Kracht, Christian - Nickel, Eckhart : Ferien für immer

„Im deutschsprachigen Raum, also in Deutschland, ist es ja furchtbar. Die Schweiz wäre das allerärgste, dort möcht’ ich wirklich nicht angemalt sein. Nein, nein, das Ideale ist weg, weit weg und in ein Hotel, so lang es einem passt, und dann in ein anderes.“, meinte einst der große Thomas Bernhard.

Folgerichtig machen Christian Kracht und Eckhart Nickel die Fliege und reisen kreuz und quer über den Globus, um die angenehmsten Orte auf unserem Planeten ausfindig zu machen. In 66 kleinen Reportagen (ein- bis dreiseitig) beschreiben sie Hotels, Restaurants und Bars zwischen Argentinien und Indonesien mit Schwerpunkt auf europäische und asiatische Destinationen.

Die beiden Autoren sind auf den ersten Blick so richtige Schnösel, Political Correctness ist nicht so ihr Ding und ihre Tiraden richten sich prinzipiell gegen alles und jeden.

Speziell kultivieren sie ihre Abneigung gegen andere Reisende (vor allem Deutsche), sowie „Menschen, die den Lonely-Planet-Reiseführer mit sich führen, ihn in einem Café in Nepal, Malaysia oder sonstwo lesen“. Aber auch kiffende Hippies, Hotelangestellte, Auto-, Motorrad- und Mopedverleiher entkommen ihrem Spott nicht. Selbst den legendären Malcolm McLaren, Gründer des Kultband „The Sex Pistols“, treiben sie mittels kalkulierter Subversion in den Wahnsinn.

Gar köstlich eine Szene in der Bar des American Colony Hotel in Jerusalem, wo ein sturzbetrunkener Benjamin „Bibi“ Netanjahu seine Wahl zum israelischen Ministerpräsidenten dergestalt feierte, in dem er seine Lieblingsszene aus „Yentl“, diesem unglaublich öden Film mit Barbara Streisand nachspielte. Erschwerend kommt hinzu, dass er bis auf ein Palästinensertuch und einen über seinen Kopf gespannten Wonderbra völlig nackt war. Da möchte man/frau sich gar nicht fragen, was Hosni Mubarak wohl so in den letzten 30 Jahren getrieben hat.

Kracht und Nickel dürften ihr Werk tatsächlich als Reiseführer betrachten, denn sie haben ein Kapitelchen angefügt, was man/frau unbedingt vermeiden soll. So warnen sie beispielsweise vor der gesamten Ex-DDR außer dem Cafehaus Kolditz in Sangerhausen und den Musikalienort Markneukirchen, vor Opiumselbstversuchen nördlich von Chiang Rai im Goldenen Dreieck, vor Japan (zu teuer), dem Tschad (zu trocken), dem Sudan (zu gefährlich), Afghanistan (zu teuer, zu trocken, zu gefährlich) und überhaupt vor ganz Griechenland.

Die angenehmsten Orte, wie es im Untertitel heisst, dürften für die beiden aber vor allem in den Hotelbars und an den Theken der verschiedenen Lokale zu finden sein.

PS: „Ferien für immer“ las ich übrigens zu großen Teilen während Reisen mit der Westbahn nach Wien. Und wenn dann so die „Schmuckkästchen“ wie Blindenmarkt, St.Pölten, Böheimkirchen oder Altlengbach am Auge vorüberzogen, kam ich nicht umhin mir zu denken, dass er nicht so ganz unrecht hatte, die alte Schimpfkanone Thomas Bernhard.



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