Hugo Bettauer: Der Kampf um Wien:
Ein Roman vom Tage

verfasst am 01.10.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Bettauer, Hugo, Romane

Bevor es um den Inhalt des Buch geht: schon nach ein paar Seiten war mir, als würde ich in diesem Buch seit langem lesen. Als wäre ich ein guter, langjähriger Freund des Patrick Ralph O’Flanagan. Und als könne die Schilderung jener Zeit, mit meinem guten Freund im Zentrum, noch ewig weiter gehen.

Bettauer schreibt so, dass ich fast meinte alles das aus eigenem Erleben zu kennen: das Wien zu Beginn der 1920er Jahre, den jungen Amerikaner, der in die Heimatstadt seiner verstorbenen Mutter kommt, die vielen Männer (und weit weniger Frauen), die für sich in Anspruch nahmen, die Elite dieses ebenso jungen wie bereits zum Untergang verurteilt scheinenden Gebildes Österreich zu sein. Das mag wohl auch daran liegen, dass ich in einigen der hier beschriebenen Kaffeehäusern, viele Jahrzehnte nach der Gegenwart dieses Buches, einen nicht unwesentlichen Teil meiner Schulzeit verbrachte.

Wohl nur aus dem Inneren der Stadt und der Zeit heraus ist es möglich, eine solche gleichsam wahre wie erfundene Geschichte zu schreiben, wie Hugo Bettauer es hier tat. Ein Schlüsselroman ist es, ein „Kampf um Wien“ in dem sich Charakter und Personen der Wirklichkeit mit Erfundenem vermischen. Wobei das Erfundene sich derart mit dem Historischen vermengt, dass man keinesfalls sagen könnte, wo das eine endet und das andere beginnt. Historische und erfundene Persönlichkeiten treffen aufeinander und man vermag kaum zu erkennen, wer davon nur der Fantasie des Autors entsprang.

Mit der Ankunft des jungen Dollar-Milliardärs O’Flanagan ziehen Aufbruchstimmung und Hoffnung, vor allem aber Gier und Hinterlist in die Stadt ein. Kaum macht die Neuigkeit über die Anwesenheit eines der reichsten Männer der Welt die Runde, wird er auch schon mit Einladungen, Vorschlägen, Wünschen überschüttet.

Und ebenso schnell heften sich die Spione von Regierungen, Wirtschaft und Banken an seine Fersen, denn jeder will den potentiellen Mäzen für sich alleine, keiner will das noch gar nicht aufzuteilende Vermögen mit den anderen teilen. Alle versuchen, den gutmeinenden Amerikaner mit Hinterlist und Intrige für ganz eigene Ziele einzuspannen.

O’Flanagan findet sich in einer Stadt wieder, die für ihn vor allem unverständlich bleibt. Hier die von Inflation und Zusammenbruch der Vorkriegsordnung augenscheinlich unbehelligt gebliebene kleine Gruppe der „Eliten“; dort die unüberschaubare Zahl der Armen, der Menschen ohne Zukunft, derer, die Frieren und die Hungern, für die der Zusammenbruch der Monarchie auch den Zusammenbruch ihres eigenen Lebenumfeldes bedeutete; die Kluft, die zwischen diesen Gruppen täglich größer wird.

Der Humanist O’Flanagan sieht seinen Weg in der Unterstützung, vielleicht im Aufbau der Bildungseinrichtungen, die in der Depression langsam aber sicher ihre gestigen und wissenschaftlichen  Fundamente verlieren. Darin, möglichst Vielen zu helfen. Von den Reichen, den Besitzenden, den Regierenden aber kommt immer mehr der Druck, in ihre Projekte und Unternehmungen zu investierten. Dies natürlich vor allem zur Mehrung ihres eigenen Vermögens, jedoch mit dem vorgeschobenen Argument (man möchte ja dem Amerikaner gefallen), damit auch der Mehrheit zu helfen.

Die bittere Wahrheit ist, dass ein Einzelner gegen diese Vielzahl von Einzelinteressen nicht ankommen kann. Selbst wenn er so unendlich reich ist wie O’Flanagan. Dafür ist diese Republik schon viel zu weit gegangen auf ihrem Weg in die Ungleichheit, die Diktatur, den Rassismus und letzendlich den Untergang (aber das konnte man zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nur ahnen, nicht wissen).

Ein Roman von Tage, ein Buch seiner Zeit

Ein Buch, das beweist, dass man mit schlanker, mit geradliniger Sprache doch unendlich viel an Atmosphäre, an Inhalt transportieren kann. Bettauer verzichtet auf jedweden literarischen Schnörksel, er beschreibt einfach das, was er sieht, wenn er aus dem Fenster sieht. Diese direkte Nähe zu dem von ihm erdachten Geschehen bringt es dann und wann auch mit sich, dass er eine äußerst subjektive Sicht auf die Dinge präsentiert. Wer aber will ihm das verdenken, gab es doch damals so etwas wie objektive Standpunkte noch viel weniger als heute.

1922 veröffentlicht, hat dieser Roman auch jetzt, 90 Jahre später, Entsprechungen in unserer Realität. Nicht so extrem hierzulande, da konnte sich Österreich bislang doch recht weit von den damaligen Zuständen absetzen. Aber gibt es nicht auch heute (wieder) Staaten in Europa, in denen sich kleine (zB. Finanz- und Politiker-)Cliquen längst von der Mehrheit und deren Schicksal abkapseln konnten?

Dazu kann sich jede/r selbst Gedanken machen, dazu findet man täglich in den Medien neue Nachrichten, das muss ich nicht weiter ausbreiten. Fest steht aber, dass „Der Kampf um Wien“ nicht nur eine tief beeindruckende Charakterisierung jener Zeit ist sondern dass viele der damals aufgetretenen Konflikte auch heute noch vielerorts, wenn auch in zeitgemäßer Form, an der Tagesordnung sind.

Überhaupt wurde ganz allgemein in den 1920ern und 1930ern enorm viel geschrieben, das auch in den 2010ern seine Gültigkeit noch nicht verloren hat. Das darf man nicht vergessen und daran sollten (wir) alle arbeiten. Nicht, dass es im Jahr 2110 heisst, es wäre schon 100 oder 200 Jahr zuvor nicht viel andere gewesen als in der Gegenwart.

Mit „Der Kampf um Wien“ hat man einen der Schlüssel zum Verständnis der Entwicklung Österreichs von den 1920ern bis zum Anschluss an das Dritte Reich im Jahr 1938 in der Hand. Und mit dem Lesen dieses Romanes hält man das Andenken an Hugo Bettauer, der ein frühes Opfer der Nazis wurde, hoch. Und ehrt ihn als einen der großen Geister unserer Geschichte.

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Hugo Bettauer



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