Wallace, David Foster: Der Besen im System

verfasst am 09.02.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Wallace, David Foster

Eines der Merkmale der sogenannter postmodernen Literatur ist, dass die Sprache im Mittelpunkt steht und die Handlung soweit überhaupt vorhanden, eigentlich nur eine Nebenrolle spielt. So auch bei David Foster Wallace von Rezensenten umjubelten Debüt „Der Besen im System“.

Der Autor beginnt in konventioneller Erzählperspektive und integriert in weiterer Folge verschiedenste Textsorten in den Roman: tagebuchartige Erzählungen, kuriose Short Storys oder Protokolle von psychiatrischen Therapiesitzungen.

Trotzdem möchte ich den Versuch unternehmen, den Fortgang der Geschichte kurz zu skizzieren: Lenore Beadsman, eine hübsche, junge Frau, die nur weiße Baumwollkleider und ausgeleierte Turnschuhe trägt, arbeitet in der Telefonzentrale eines obskuren, erfolglosen Verlages, der ihrem Freund Rick Vigorous gehört. Ihre Urgroßmutter, ebenfalls auf den Namen Lenore Beadsman hörend, die nur bei 37 Grad Außentemeperatur lebensfähig ist, verschwindet eines Tages mit 19 anderen Bewohnern und einigen Pflegern aus einem Altenheim in Ohio.

Die Seniorenresidenz gehört dem Vater von Lenore jun., einem ominösen Unternehmer mit größenwahnsinnigen Ideen, der den Markt mit einem Babybrei erobern will, durch den die Kleinen früher sprechen lernen sollen.

Wenn dieser Roman eine Handlung besitzt, dann ist es die odysseehafte Suche von Lenore nach Lenore, im Endeffekt die Suche nach ihrer eigenen Identität.

Urgroßmutter Lenore wird schließlich in einer vor den Toren der Stadt angelegten künstlichen, schwarzen Wüste mit dem Namen G.O.D. (Great Ohio Desert) vermutet.

Grandios sind die Protokolle von psychotherapeutischen Sitzungen bei Dr. Jay, einem Seelendoktor, der sämtliche Leiden auf die komplett hirnrissige Membran-Therorie zurückführt. Oder der industrielle Mr. Bombardini, der durch andauernde Gewichtszunahme mittels Nahrungsaufnahme versucht, den Rest der Menschheit durch seine schiere Leibesfülle zu verdrängen.

David Foster Wallace fasziniert und verwirrt den nach Sinn suchenden Leser durch ein virtuoses Versteckspiel, fordert erhöhte Aufmerksamkeit und detektivisches Kombinationsvermögen. Sätze, die sich über 20 Zeilen erstrecken, chronologisch unerwartete Sprünge in die Vergangenheit, um sich gleich wieder in der Gegenwart wiederzufinden.

Alles was existiert ist Sprache – dieses Credo vermittelte Lenore sen., ehemalige Studentin des Philosophen Ludwig Wittgenstein, ihrer Urenkelin und dies scheint auch die Maxime des Autors zu sein.

Lenore jun. Nymphensittich, Vlad der Pfähler genannt, beginnt plötzlich fließend zu sprechen und wird dadurch Star eines Bibel-TV-Senders und gilt als die Stimme Gottes. Auch Sex wird in diesem Roman buchstäblich durch Sprache ersetzt. Rick, der darunter leidet, dass er einen recht kleinen Penis sein eigen nennt, erzählt Lenore jun. als Ersatzbefriedigung im Bett bizarre, in seinem Verlag eingelangte oder möglicherweise selbstausgedachte Kurzgeschichten.

Beispielsweise das Schicksal einer Frau aus Osteuropa, in deren Hals, in einer Einbuchtung, ein Frosch lebt. Frau und Frosch scheinen eigentlich ganz gut miteinander auszukommen. Nur im Frühjahr, wenn sein lautes Liebesquaken ertönt, treibt er die Frau in den Wahnsinn. Und zwar so sehr, dass sie sich eines Tages vor die U-Bahn wirft.

„Der Besen im System“ ist wie viele ambitionierte Debüts nach dem Motto „erst wenn mein Koffer platzt, dann ist er auch wirklich voll“ gestrickt. Praktisch jedes Genre wird integriert, ob Familienroman oder Thriller, beißende Medien- und Kapitalismussatire, auch Krimi und natürlich jede Menge Nonsens.

Seine unerreichte Meisterschaft im Umgang mit Worten blitzt immer wieder auf und ist ein Vorgeschmack auf sein Opus Magnum „Infinite Jest“, dass David Foster einen ehrfurchtgebietenden Ruf als Schriftsteller eingebracht und auf eine Stufe mit Thomas Pynchon oder Jonathan Franzen gehoben hat.

Kurz, eine sehr interessante Lektüre, aber sie sollten das Wort Kreativität schon mal gehört haben, sonst wird das nichts.



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