Klinger, Christian: Codewort Odysseus

verfasst am 18.10.2010 von | 2 Kommentare
Rubriken: Klinger, Christian, Kriminalromane

Alfons Seidenbast, ehemaliger Chefinspektor der Wiener Polizei, ist auf der Flucht. Nicht vor einem Täter, nicht vor sich selbst, sondern vor der Wiener Polizei. Er hat sozusagen die Seiten gewechselt. Nun selbst gesuchter Verbrecher, verbringt er gerade einen Zwischenstopp in Griechenland. Er fühlt sich halbwegs sicher, doch plötzlich schwindet dieses Gefühl der Sicherheit, spült das Meer doch eine Hand an Land, an der noch eine Kamera baumelt. Seidenbast, eben mit der angeborenen Neugierigkeit eines Schnüfflers ausgestattet, gelingt es, sich den Film aus der Kamera anzueignen. Dadurch beginnt eine unglaubliche Odyssee…

Seidenbast entwickelt die Negative des Filmes. Er weiß, dass er da einem dunklen Geheimnis auf der Spur ist und schickt die Fotos seinem Freund Gianni nach Wien. Der verschwundene Film interessiert allerdings auch andere Personen, so löst Seidenbast eine Lawine von tragischen Ereignissen aus.

Ein Journalist wird ermordet, dieser Mord wird Seidenbast angehängt. Seidenbast wird der österreichischen Justiz überstellt. Inhaftiert und des Mordes beschuldigt fristet er sein Leben im Knast. Als Freigänger kann er schließlich arbeiten, meldet sich zum Putztrupp und kann während eines Arbeitseinsatzes flüchten. Er versteckt sich bei seinem Freund Gianni, und gemeinsam brüten sie über das Geheimnis der Fotos.

Seidenbast hat mit dem Film den Schlüssel zu einem Geheimnis in Händen, das in eine dunkle Zeit der Geschichte zurückreicht. Was wie Schaltpläne von Patenten aus dem Deutschen Reich aussieht, entpuppt sich als Kontodaten des Bankhauses Spengerli und Sohn in der Schweiz. Der tote Journalist hat über Restitution und über die dunklen Geldkanäle der Nazis geschrieben, dafür musste er mit dem Leben bezahlen.

Schließlich fährt Seidenbast mit gefälschtem Reisepass in die Schweiz, um in der besagten Bank ein Schließfach zu eröffnen. Darin verstaut er die Fotos. Per Post schickt er den Schlüssel des Schließfaches und die Beweisstücke über die herrenlosen Konten mit handgeschriebenen Begleitbrief an den Fachverband jüdischer Hilfsorganisationen, damit diese in ihrem Kampf mit der Bankwirtschaft endlich zu einer Lösung finden mögen.

Seidenbast hat schon während der Haft immer geschrieben, es hat ihm über schlimme Zeiten hinweggeholfen.

Nun schreibt er wieder: „… Ich bin jedenfalls dankbar, dass ich draußen bin, aus dem Spiel um Recht oder Unrecht. Mich geht es auch nur bedingt an, obwohl Unrecht immer Unrecht bleibt, egal zu welcher Zeit es begangen wurde, und egal, gegen wen es sich richtet. Ich habe im Zuge meiner Verhandlungen kennen und wissen gelernt, dass Gerechtigkeit nicht dem widerfährt, der im Recht ist, sondern dass die Rechtsprechung demjenigen Recht gibt, der bereit ist, für sein Recht mehr Ressourcen, egal ob sie aus Geld, Beziehungen oder Lügen bestehen, zum Einsatz zu bringe. Der, der untätig auf die Gerechtigkeit vertraut, steht auf verlorenem Post“ [S.196].

Nachdem er die Post an die jüdische Organisation abgeschickt hat, fühlt sich Seidenbast erleichtert und er überlegt, ob er Gianni mit nach Panama, in das Land seines künftigen Aufenthaltes, mitnehmen sollte. Bei der Rückkehr nach Österreich, an der Grenze zwischen Schweiz und Vorarlberg, findet die letzte Kontrolle im Zug statt. Er zückt seinen gefälschten Reisepass, und glaubt völlig auszucken zu müssen. Der Fälscher hat sich beim Ausstellungsdatum geirrt. Seidenbast, nun reisend als Herr Eusebio Lilienfeld, hat einen Pass bei sich, der nicht 1999 ausgestellt wurde, sondern 1899. Nun gibt es für Seidenbast nur mehr einen Ausweg – nicht Panama … ein tragisches Ende (?!?)

Christian Klinger hat in seinem neuesten Roman das Thema Restitution aufgegriffen. Die gute Recherche über Haft und Anwälte, die in spektakulären Fällen ihren Aufstieg versuchen, gefällt mir sehr gut. Auch Seidensbasts Alkoholerkrankung, Entzug und selbst das Delirium und den damit verbundenen Halluzinationen finde ich neben dem Sprachstil und dem Inhalt des Krimis selbst sehr gelungen!

Was mir allerdings schwer fiel war, ein Bild von Alfons Seidenbast als Person zu entwickeln, beim besten Willen, ich könnte kein Gesicht beschreiben, dass meiner Fantasie dazu entspringt. Außer dass Seidenbast patschert ist/war, und genauso patschert hat er sein Leben/oder auch nicht? beendet….


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