Pete Dexter: Gods Pocket

verfasst am 14.06.2010 von | 2 Kommentare
Rubriken: Dexter, Pete, Romane

In God’s Pocket, der „Jackentasche Gottes“, einem Stadtteil im Süden Philadelphias ist es ziemlich finster. Kein wirklich gemütlicher Ort zum Leben für die „Kleinen Leute“, wie man/frau sie so gerne nennt. Sie müssen täglich sehr hart für ihre Brötchen arbeiten und haben keine Zukunft zu Beginn der Reaganära in den frühen Achtzigern des letzten Jahrhunderts. Wer in God’s Pocket geboren wird, bleibt dort sein Leben lang und wartet auf die Erlösung, den Tod. Wer es wagen sollte in diese Gegend zu ziehen, was so gut wie nie vorkommt, hat keine Chance in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden.

Es gibt die „Hollywood Bar“, wo sich die Menschen besaufen und dann über Dinge diskutieren, von denen sie nichts verstehen oder sich einfach in Stimmung bringen für die anschließende Prügelei. Es gibt ein Blumengeschäft, ein Bestattungsunternehmen, Händler jeglicher Art und natürlich die Mafia, die ihre Claims neu abzustecken scheint. Alles scheint seine gewisse „Ordnung“ zu haben, bis ein 24-jähriger junger Mann namens Leon Hubbard dann zum Auslöser von fatalen Ereignissen wird.

„Leon Hubbard starb am ersten Montag im Mai zehn Minuten nach Beginn der Mittagspause auf der Baustelle der neuen einstöckigen Unfallstation des Holy Redeemer Hospitals in South Philadelphia. Auf die eine oder andere Art hätte er ohnehin seinen Job verloren.“

Der drogenabhängige, rassistische, vor Aggressivität strotzende Psychopath attackiert den alten, schwarzen Arbeiter Lucien mit einem Rasiermesser und wird von diesem kurzerhand mit einem Eisenrohr erschlagen. Der Polizei gegenüber bestätigen alle Anwesenden, dass ein loser Teil eines Baukranes Leon Hubbard tödlich getroffen hat. Aber nicht alle, allen voran seine Mutter Jeanie Scarpato, geben sich mit dieser Version des „Unfalls“ zufrieden.

Sie bittet ihren Mann Mickey, Leons Stiefvater, Nachforschungen anzustellen und der wendet sich an seinen alten Freund und „Geschäftspartner“ Bird, einen Kleingangster, der gute Kontakte ins Mafiamilieu hat. Mangels anderer Jobalternativen klauen Mickey und Bird im Auftrag anderer Lastwagen und verhökern das Diebesgut auch manchmal selbst, verprassen aber das meiste Geld postwendend wieder auf der Pferderennbahn – soviel zum Geschäftlichen.

Auch die Presse wird auf den Fall aufmerksam und der alkoholkranke Starkolumnist der „Daily News“ Richard Shellburn beginnt zu recherchieren und verliebt sich in Leons Mutter. Dann gerät auch noch die Leiche Leons in den Kühllaster seines Stiefvaters und anschließend in einen Verkehrsunfall – er stirbt sozusagen zwei Mal. Immer schneller beginnt sich eine makaber-skurille Spirale zu drehen und die lakonische Sprache des Autors verleiht dem Roman einen unheimlichen pessimistischen Drive. Die fragile „Ordnung“ in God’s Pocket scheint komplett aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Pete Dexter war ursprünglich Journalist und wechselte, nachdem er im Zuge einer kontroversen Berichterstattung krankenhausreif geschlagen wurde, die Profession. „God’s Pocket“ ist der großartige, atemberaubende, aber auch herzzerreißende, sehr dunkle Debütroman und wurde bereits im Jahr 1983 veröffentlicht, ist aber erst in diesem Jahr in deutscher Übersetzung erschienen. Mit dem Zynismus des langjährigen Journalisten ausgestattet, beschreibt Dexter die Grausamkeiten des Alltags und fährt schwere Geschütz gegen das amerikanische Mediensystem auf. Besonders die Sexszenen haben es dem Autor angetan. Sie sind bei ihm tragikomische Episoden, wobei Katzen und Hunde dabei entscheidende Rollen spielen.

Auf den ersten Blick mutet der Roman als Kriminalgeschichte an, aber es ist viel mehr eine Sozialstudie der unteren Schichten in der amerikanischen Gesellschaft mit sehr vielen Zwischentönen und psychologischen Tiefgang. An Aktualität über das Verhalten von Menschen, die keine Zukunft haben, hat das Werk im Lauf der Zeit nichts eingebüßt, eher im Gegenteil, es erscheint aktueller denn je.

Irgendwie habe ich beim Lesen von „God’s Pocket“ das Gefühl gehabt, mich in einem Film von Quentin Tarantino zu befinden – in einem guten Film von Tarantino wohlgemerkt. Wenn sie beim Lesen auch Musik hören, empfehle ich dazu Johnny Cash oder den Soundtrack von „Reservoir Dogs“ oder „Pulp Fiction“. Dann kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen.



RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 2 Kommentare


  • Kommentar von  Andreas am 07.09.2011 um 07:05 Uhr Uhr

    Stimmt, die Übersetzung ist wohl ebenso wichtig wie der Originaltext und normalerweise haben wir die Übesetzerinnen und Übersetzer auch angeführt. Das hat hier gefehlt, ist jetzt aber nach geholt.

  • Kommentar von  Jürgen Bürger am 07.09.2011 um 00:37 Uhr Uhr

    Dieser Roman wurde übrigens ins Deutsche übertragen von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger. Dies nicht aus Eitelkeit, sondern einfach deshalb, weil man (die Presse, die Werbung, bisweilen sogar die Verlage) Übersetzer gern vergisst – es sei denn, einem Leser und/oder Kritiker bereitet ein Titel so wenig Freude, ja gar Verdruss und Folter, dass gleich die ganze Verantwortung auf die Schultern der übersetzenden Verbrecher abgeladen wird. Also, wenn’s denn Spaß gemacht hat, oder auch nicht, man freut sich, wenn der/die deutsche Urheber/in zumindest erwähnt wird.

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