Georges Simenon: Die Witwe Couderc

verfasst am 10.12.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Simenon, Georges

Die Witwe Tati Cuderc: 45 Jahre ist sie alt, lebt mit dem Vater ihres verstorbenen Mannes in dessen Haus. Der Alte, krank, verwirrt, lebt nur noch vor sich hin, zu einer Beschäftigung reicht es bei ihm nicht mehr. Seine Tage verbringt er mit Essen, Schlafen, bei den Kühen und, wenn ihm danach ist, im Bett der Witwe oder er stellt den Mädchen nach.

Ein durchaus befremdliches Idyll, in das Jean gerät. Die Witwe sah er im Autobus und nach kurzer Überlegung folgte ihr zu ihrem Haus. Er konnte gar nicht anderes: ihre Blicke hatten sich im Bus getroffen, sie wusste, dass der Fremde bald bei ihr vor der Haustüre stehen würde und er wusste, dass sie auf ihn wartete und in einlassen würde. Stillschweigend beinahe, jedenfalls ohne dass es zwischen den beiden erst abgemacht werden musste, wird Jean der Liebhaber, Knecht, Hilfsarbeiter von Tati.

Ein Roman, so ganz anders als die Romane von Simenon, die ich bisher gelesen habe. Mehr ein Theaterstück als ein Roman. Mit immer nur ganz wenigen Zeilen schafft es Simenon, das Bild, die Ereignisse, die Landschaft vollkommen real im Kopf der Leserin/des Lesers entstehen zu lassen.

Tati, Jean, der Schwiegervater. Die Schwestern ihres verstorbenen Mannes, Felice, die Tochter einer der Schwestern. Es entwickelt sich ein Drama voller Andeutungen, Hinweise, Intrigen, Neugierde, Verlangen und Misstrauen. Es beginnt leise, man hat noch keine Vorstellung, wohin sich alles bewegen wird.

Dass Jean gerade erst aus dem Gefängnis entlassen wurde, in dem er 5 Jahre lang als Strafe für einen Mord einsaß,  sorgt für Unruhe bei allen. Bei der Witwe, die immer wieder  erklärt, sie habe keine Angst vor ihm und ihn sorglos mit in ihr Schlafzimmer nimmt. Bei den anderen Familienmitglieder, die erwarten, dass Jean den alten Vater töten wird, damit die Witwe das Haus endgültig für sich in Besitz nehmen könnte; und die das zum Anlass nehmen wollen, nicht nur Jean, den verurteilten Mörder,  sondern auch gleich die gehasste Tati, die Witwe, die Frau die sich in ihre Familie eingeschlichen hatte, aus dem Haus zu jagen. Damit sie dann in Ruhe den Vater abschieben können und das Haus verkaufen.

All das konnte ich mir bildhaft vorstellen, als säße ich im Theater: das Bühnenbild, die karge Einrichtung, wie sie um den Tisch herum sitzen, wie sie einander belauern, wie sie miteinander reden, meistens aber mit ihren Gedanken ganz woanders sind.

Oft konnte ich mir – vorübergehend – keinen Reim auf das Geschehen machen, doch immer war ich davon fasziniert.

Folgerichtig wurde dieser Roman auch mit Simone Signore und Alain Delon verfilmt. Es ist ja auch wirklich ein Stoff, wie gemacht für einen französischen Film.


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