Richard Osman: Wir jagen Schatten
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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So gut amüsiert habe ich mich bei einem Krimi schon lange nicht mehr. Hier ein Hinterhalt, da eine Verschwörung, dort ein paar Morde – quasi ein Buch zum Totlachen. Wobei man das natürlich nur sagen darf, weil Richard Osman seinen Krimi mit so viel trockenem britischem Humor erzählt, der selbst in den bedrohlichsten Situationen immer noch einen kleinen Seitenblick ins Komische erlaubt.
Wir jagen Schatten ist der zweite Fall für die Agentur „Wir finden Mörder“, und dieser Fall kommt gerade zur rechten Zeit. Denn es scheint so, als ob niemand die Dienste von Rosie, Amy und Steve in Anspruch nehmen möchte. Das ist für eine Detektei natürlich unpraktisch, für Menschen mit etwas zu viel Tatendrang aber beinahe gefährlich. In der sich ausbreitenden Langeweile könnte es also durchaus geschehen, dass sich die eine oder der andere neue Aufgaben sucht. Und wer möchte schon, dass Rosie, Amy oder Steve aus reiner Unterbeschäftigung auf dumme Gedanken kommen?
Zum Glück meldet sich rechtzeitig ein Mann namens Vern Blackwood. Laut Eigendefinition ist er ein eher „guter“ Krimineller. Das muss man ihm nicht unbedingt glauben, aber man kann zumindest anerkennen, dass er sein Geschäftsmodell sauber von den wirklich unangenehmen Bereichen der internationalen Kriminalität abgrenzt. Vern versorgt seine Kundschaft mit angeblich wirksamen Vitaminmitteln, die für oder gegen alles helfen sollen, was einen Menschen im Lauf des Tages so belastet. Dass diese Mittel gefälscht sind und überhaupt keine Wirkung haben, ist für ihn kein moralisches Problem, sondern vor allem ein äußerst einträgliches Geschäft.
Harte Drogen? Nein, ganz sicher nicht. Das überlässt Vern lieber seinen über den Globus verstreut agierenden Kollegen. Diese haben sich, wer es genau wissen möchte, zu sechst die Welt aufgeteilt, damit man einander nicht zu sehr in die Quere kommt. Ein vernünftiges Arrangement also, zumindest nach den Maßstäben von Menschen, die mit Verbrechen ihr Geld verdienen. Dass inzwischen mehrere dieser Herren nicht mehr am Leben sind, war angesichts der Vereinbarung zwar nicht unbedingt zu erwarten, aber was soll man machen? In manchen Branchen ist die Lebenserwartung eben überschaubar.
Bisher sieht Vern das alles noch einigermaßen gelassen. Das ändert sich allerdings schlagartig, als einer seiner Leibwächter tot vor seiner Villa in der Toskana liegt und beim Toten auch noch eine Nachricht für Vern hinterlassen wurde:
Das ist eine Warnung.
Ich komme wieder und dann bist du dran.
Jakob Eriksson
Eriksson? Aber der ist doch Verns Freund? Oder zumindest jemand, den Vern dafür gehalten hat. Und damit ist klar: Es ist Zeit, die Agentur „Wir finden Mörder“ zu engagieren.
Von diesem Moment an ist Schluss mit der Langeweile. Amy Wheeler, Bodyguard mit ausgeprägtem Sinn für Gefahr, Steve Wheeler, pensionierter Polizist und Meister der eher ruhigen Beobachtung, und Rosie D’Antonio, weltberühmte Thrillerautorin mit Lebensfreude, Geld und einer beneidenswerten Bereitschaft, sich in Schwierigkeiten zu stürzen, geraten in einen Fall, der deutlich größer ist, als er anfangs wirkt. Was mit einer Warnung in der Toskana beginnt, führt bald über mehrere Schauplätze, von Italien nach Barcelona, zurück in Steves kleines englisches Dorf und weiter bis nach Palm Springs.
Osman bleibt seiner besonderen Mischung treu, die schon seine früheren Krimis ausgezeichnet hat. Einerseits ist Wir jagen Schatten unglaublich witzig, die Dialoge sitzen und die Figuren haben sehr eigene Vorstellungen davon, wie man sich in gefährlichen Situationen verhalten sollte. Andererseits ist die Krimihandlung wirklich raffiniert aufgebaut. Der Fall entwickelt sich nicht einfach geradlinig von Hinweis zu Hinweis, sondern öffnet immer wieder neue Perspektiven. Wer steckt hinter den Morden? Was hat Jakob Eriksson tatsächlich damit zu tun? Warum sterben ausgerechnet Männer, die eigentlich gelernt haben sollten, Gefahren rechtzeitig zu erkennen? Und welche Rolle spielt Vern Blackwood wirklich in diesem ganzen Durcheinander?
Das alles macht den Roman unglaublich unterhaltsam. Man lacht (ja, wirklich), rätselt, verdächtigt, verwirft Verdächtigungen wieder und merkt erst spät, wie geschickt Osman die einzelnen Fäden ausgelegt hat. Die Geschichte erinnert mit ihrem Raum zum Selber-Mitermitteln durchaus an klassische Krimis, hat aber zugleich ein modernes, schnelles, leicht weltumspannendes Tempo.
Besonders gelungen ist das Zusammenspiel der drei Hauptfiguren. Amy bringt Tempo und professionelle Härte in die Handlung, Rosie Glamour, Witz und eine gewisse erfreuliche Unberechenbarkeit, Steve dagegen jene Ruhe, die man leicht unterschätzen könnte.
Für mich war dieser Krimi durchgehend ein reines Lesevergnügen. Ich hätte ohne Weiteres noch viel mehr Seiten weiterlesen können, nicht nur wegen des Falls, sondern vor allem wegen dieser Figuren und ihrer Gespräche. Wir jagen Schatten ist trocken britisch, sehr komisch, zugleich aber auch spannend und clever konstruiert – lauter Eigenschaften, die ich bei einem Krimi sehr schätze.
Zusammengefasst:
Ein überaus amüsanter, raffinierter und flott erzählter Krimi mit einem lange nicht absehbaren Finale. Wer klassische Rätselkrimis mag, britischen Humor schätzt und Figuren liebt, denen man am liebsten einfach weiter beim Reden und Ermitteln zuhören möchte, ist hier genau richtig.
Ganz sicher einer meiner Favoriten des Jahres 2026!