Janina Ramirez: Heldinnen, Herrscherinnen, Heilige
Die wahren Geschichten der Frauen hinter Europas Nationalmythen
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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In unseren Geschichtsbüchern scheint Geschichte, vielleicht einmal abgesehen von Maria Theresia und Sisi, fast ausschließlich von Männern gestaltet worden zu sein. Könige, Kaiser, Feldherren, Päpste, Eroberer und Revolutionäre stehen im Rampenlicht, Frauen stehen daneben, dahinter oder verschwinden ganz.
Janina Ramirez zeigt in *Heldinnen, Herrscherinnen, Heilige*, dass dieses Bild zumindest unvollständig ist. Das alte Verständnis von Rollenbildern hat zwar dazu geführt, dass Frauen tatsächlich meist im Schatten der Geschichte standen, aber eben nicht immer. Manche traten, allen Traditionen und Widerständen zum Trotz, nach vorne und beeinflussten die Entwicklung ihrer Länder und Regionen entscheidend.
Ramirez schreibt dabei keine bloße Sammlung von Kurzbiografien. Ihr Buch ist Biografie und Geschichtsbuch zugleich. Anhand der Lebensgeschichten ihrer Protagonistinnen beschreibt sie ausführlich auch jene historischen Ereignisse, die dorthin führten: Kriege, Revolutionen, dynastische Interessen, religiöse Konflikte, nationale Mythenbildung und politische Vereinnahmung. Gerade das macht die Lektüre so reizvoll. Man liest über Frauen, deren Namen teilweise bekannt sind, erfährt aber zugleich von Ereignissen, die zumindest mir weniger vertraut waren, für die Geschichte der jeweiligen Länder oder Regionen aber von großer Bedeutung sind.
7 Kapitel, 7 Regionen
Im ersten Kapitel geht es nach Frankreich, zu Jeanne d’Arc und zu Charlotte Corday während der Französischen Revolution.
Das zweite Kapitel führt auf die Iberische Halbinsel und stellt Isabella von Kastilien in den Mittelpunkt. Ramirez verbindet diese Geschichte mit Agustina de Aragón, die im Kampf gegen Napoleon zur spanischen Heldin wurde.
Im dritten Kapitel geht es nach Griechenland, zu Anna Komnene und Laskarina Bouboulina. Anna Komnene war byzantinische Prinzessin, Gelehrte und Geschichtsschreiberin; Laskarina Bouboulina wiederum gehört in die Zeit des griechischen Unabhängigkeitskampfes.
Das vierte Kapitel widmet sich den Niederlanden und Belgien, genauer Marie von Oignies, den Beginen und später den Schwestern von Notre Dame de Namur.
Im fünften Kapitel steht Deutschland im Mittelpunkt, verbunden mit Kaiserin Adelheid und Lola Montez. Adelheid gehört in die Welt des mittelalterlichen Reiches, der Herrschaft durch Heirat, Erbfolge, Bündnisse und Blutsverwandtschaft. Lola Montez dagegen führt in das Bayern des 19. Jahrhunderts und in die Unruhe vor und während der Revolution von 1848.
Das sechste Kapitel führt nach Italien und verbindet Katharina von Siena mit Anna „Nina“ Morisi. Katharina von Siena ist eine jener religiösen Frauengestalten, deren Einfluss weit über persönliche Frömmigkeit hinausreichte. Mit Nina Morisi führt Ramirez dann in das 19. Jahrhundert und zu einem anderen Konflikt zwischen Religion, Macht und moderner Öffentlichkeit.
Das siebte Kapitel führt nach Großbritannien, zu Lady Godiva und Queen Victoria. Lady Godiva ist bis heute vor allem durch die berühmte Legende bekannt, in der sie nackt durch Coventry reitet. Die Verbindung zu Queen Victoria zeigt, wie solche mittelalterlichen Figuren im 19. Jahrhundert erneut für nationale, moralische oder dynastische Vorstellungen nutzbar gemacht wurden.
Ramirez führt aus, wie Geschichte nicht nur vergessen, sondern auch gezielt umgeformt wird. Frauen werden nicht einfach aus den Überlieferungen gelöscht; manchmal werden sie sogar besonders sichtbar gemacht, aber nur in dem Umfang, wie es den jeweiligen politischen, religiösen oder nationalen Interessen dient. Aus durchaus widersprüchlichen Persönlichkeiten werden Heilige, Märtyrerinnen, Mütter der Nation, Verführerinnen, Skandalfiguren oder moralische Vorbilder. Die realen Frauen verschwinden dabei oft hinter ihren nachträglich erzeugten Bildern.
Der Bezug zu unserer Gegenwart
Ein solches Buch passt leider auch sehr gut in unsere Gegenwart. Wir erleben derzeit nicht nur neue Debatten über Geschlechterrollen, sondern auch eine erschreckende Rückkehr alter Muster. In der sogenannten Manosphere wird Männlichkeit wieder über Dominanz, Herabsetzung und Kontrolle definiert; antifeministische, frauenfeindliche und teils antidemokratische Vorstellungen verbreiten sich in erschütterndem Umfang in digitalen Räumen.
Gerade deshalb ist ein Buch wie „Heldinnen, Herrscherinnen, Heilige“ zeitgemäß. Nicht, weil es behauptet, Frauen hätten Geschichte allein gemacht. Sondern weil es zeigt, dass unsere Welt und unsere Zivilisation immer von Frauen und Männern gemeinsam geformt wurden. Wer Frauen aus der Geschichte herausnimmt, erzählt nicht nur unvollständig, sondern falsch.
Wenn jetzt große Teile der Gesellschaft wieder in archaische Rollenbilder zurückzudriften scheinen, ist jeder Beitrag bedeutsam, der diesem Denken etwas entgegensetzt.
Ramirez tut das nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Wissen und historischer Genauigkeit. Was belegt, dass Frauen nicht nur bloße Randfiguren der Geschichte waren (und sind), sondern handelnde Personen, mit Macht, Einfluss, Mut, Widersprüchen und Fehlern.