Beate Maly: Aurelia und die Jagd nach dem Glück
Ein Fall für Aurelia von Kolowitz (3)
Autorin/Autor:
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Buchbesprechung verfasst von: John
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Wien, Ballsaison, Lotteriefieber – und mittendrin ein Mordfall, der sehr schnell zeigt, dass Glück und Unglück manchmal erschreckend nahe beieinanderliegen. Mit diesem dritten Roman führt Beate Maly ihre historische Krimireihe um Aurelia von Kolowitz und Oberinspektor Janek Pokorny fort und verbindet dabei erneut einen spannenden Fall mit einem lebendigen Blick auf die Gesellschaft der Donaumonarchie.
Der Tote ist Freiherr von Sothen, ein Mann, um den vermutlich nur wenige ehrlich trauern. Mit Lotterielosen und zweifelhaften Gewinnversprechen hat er zahlreichen Menschen das Geld aus der Tasche gezogen. Während viele seiner Opfer in Armut zurückblieben, lebte er selbst in Glanz und Bequemlichkeit. Dass er schließlich erschossen im Hof seines Schlösschens am Cobenzl gefunden wird, macht die Sache für Janek Pokorny nicht einfacher. Denn wer so viele Menschen betrogen hat, hinterlässt entsprechend viele Feinde.
Sehr bald stellt sich heraus, dass dieser Fall mehr ist als die Suche nach einer einzelnen verdächtigen Person. Pokorny muss sich durch ein Labyrinth aus Enttäuschung, Habgier, Rachegedanken und gesellschaftlichen Verwicklungen arbeiten. Die Witwe des Toten trägt ebenfalls nicht unbedingt dazu bei, das Bild menschlicher Güte zu verbessern. Und während in Wien getanzt und vom großen Glück geträumt wird, zeigt der Mordfall eine sehr viel dunklere Seite dieser Gesellschaft.
Aurelia von Kolowitz ist natürlich ebenfalls nicht weit. Als junge Gräfin bewegt sie sich in jenen Kreisen, in denen Pokorny nur ermitteln kann, aber nie wirklich dazugehören wird. Genau diese Verbindung macht den besonderen Reiz der Reihe aus. Aurelia kennt die Regeln, Zwänge und Fassaden der besseren Gesellschaft aus eigener Erfahrung. Gleichzeitig ist sie klug, eigensinnig und viel zu neugierig, um einen Mordfall einfach den Männern zu überlassen. Dass ihr Vater sie lieber standesgemäß verheiratet sehen würde, macht die Sache für sie nicht einfacher, aber für die Leserschaft umso interessanter.
Neben dem Mordfall erzählt der Roman auch von der vorsichtigen, man möchte beinahe sagen verbotenen Annäherung zwischen Aurelia und Janek. Die beiden mögen einander, das ist nicht zu übersehen. Doch zwischen einer adeligen jungen Frau und einem Polizeibeamten liegen im Wien des 19. Jahrhunderts nicht nur ein paar kleine Stolpersteine, sondern fast unüberwindbare Standesgrenzen. Gerade deshalb sind die kleinen Momente zwischen ihnen so reizvoll. Vieles bleibt unausgesprochen, manches wird nur angedeutet, und doch trägt diese leise Spannung viel zur Atmosphäre des Romans bei.
Besonders gelungen ist, dass Beate Maly aus all dem nicht bloß einen historischen Krimi macht. Der Mord an Freiherr von Sothen steht im Mittelpunkt, aber rundherum entsteht ein (be)greifbares Bild der Zeit. Man liest von starren Rollenbildern, Armut, gesellschaftlicher Ungleichheit und der sehr eingeschränkten Stellung der Frauen. Die vielbeschworene „gute alte Zeit“ wirkt hier nur für jene gut, die Geld, Rang und Einfluss besitzen. Für viele andere bedeutet sie Abhängigkeit, Rechtlosigkeit und ständige Unsicherheit.
Auch der historische Hintergrund rund um Johann Carl von Sothen ist nahtlos eingebunden. Die Story gewinnt dadurch, weil sie nicht völlig frei erfunden wirkt, sondern an reale Verhältnisse anschließt. Eine sehr gelungene Verbindung zwischen Krimihandlung und Zeitgeschichte. Man rätselt mit, wer für den Mord verantwortlich ist, bekommt aber zugleich ein Gefühl dafür, warum dieser Tote so viele mögliche Täter hinterlassen konnte.
Dazu kommen weitere Verbrechen und Nebenhandlungen, die den Roman nicht überladen, sondern das Bild dieser Welt erweitern. Pokorny bekommt es nicht nur mit dem Mord am Cobenzl zu tun, sondern auch mit anderen Fällen, die zeigen, wie rasch sich in einer wachsenden Stadt wie Wien neue Formen von Kriminalität und sozialem Elend entwickeln. Gleichzeitig bleibt Aurelias privates Leben immer präsent: ihre Karikaturen, ihre Unabhängigkeit, ihre Abwehr gegen väterliche Heiratspläne und ihr Wunsch, mehr zu sein als nur eine passende Partie auf dem Heiratsmarkt.
Für mich ist *Aurelia und die Jagd nach dem Glück* der bisher beste Band der Reihe. Der Fall ist spannend, die Figuren sind jetzt schon vertraut und lebendig, und das historische Wien wird nicht nur als hübsche Kulisse verwendet, sondern als soziale Wirklichkeit mit Licht und Schatten – zusammen eine Mischung, die ausgezeichnet funktioniert.
Beate Maly erzählt flüssig, atmosphärisch und mit viel Gespür für ihre Figuren. Man folgt Janek Pokorny gerne bei seinen Ermittlungen und Aurelia ebenso gerne bei ihren Versuchen, sich den engen Erwartungen ihrer Umgebung nicht einfach zu beugen. Dass der Roman dabei unterhält, ohne die Härten seiner Zeit zu beschönigen, ist ein weiterer Bonus.
Zusammengefasst
Ein historischer Wien-Krimi, der Krimispannung, Gesellschaftsbild und zarte Liebesgeschichte sehr gelungen verbindet. Für mich ein ausgesprochen überzeugender dritter Fall für Aurelia von Kolowitz – und ein Buch, das zeigt, wie gut historische Unterhaltung funktionieren kann, wenn sie nicht nur Kostüme und Kulissen liefert, sondern auch den Blick auf die Menschen dahinter richtet.