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Georges Simenon, Jean-Luc Fromental: Der Schnee war schmutzig

Der Schnee war schmutzig
verfasst am 23.01.2026 | einen Kommentar hinterlassen

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Georges Simenons Roman „Der Schnee war schmutzig“ ist wahrscheinlich sein düsterstes und verstörendstes Werk und ist zugleich ein eindringliches literarisches Zeugnis über die moralische Verwahrlosung des Menschen unter extremen äußeren Bedingungen.

Der 1946 erschienene Roman spielt in einem namenlosen, von einer fremden Macht besetzten Land – unschwer als Anspielung auf die deutsche Besatzungszeit in Frankreich zu erkennen. Auch wenn Simenon dies nie explizit benennt, ist die Atmosphäre des Buches deutlich von seinen eigenen Erfahrungen während dieser Zeit geprägt.

Im Mittelpunkt steht der junge Frank Friedmaier, der in einer trostlosen, verkommenen Umgebung aufwächst. Seine Mutter betreibt ein Bordell, und Frank ist von klein auf mit Gewalt, Verrat und moralischer Kälte konfrontiert. Er arbeitet als Informant und Gelegenheitsverbrecher für die Besatzer, nicht aus ideologischer Überzeugung, sondern aus Gleichgültigkeit, Neugier und einer fast nihilistischen Lust an der Grenzüberschreitung. Bereits zu Beginn begeht er einen Mord – ohne Reue, beinahe ohne inneren Widerstand. Diese emotionale Kälte zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman.

Der titelgebende „Schmutzige Schnee“ ist dabei von zentraler Bedeutung: Schnee steht gewöhnlich für Reinheit, Unschuld und Stille – doch in Simenons Welt ist er grau, zertreten und von Blut und Schlamm durchzogen. So wie der Schnee ist auch die ganze Gesellschaft und ist auch Frank bis in sein Innerstes beschmutzt. Die ganze Stadt, in der sich alles zuträgt, ist wie erstarrt vor Angst, Misstrauen und moralischer Lähmung.

Simenon gelingt es meisterhaft, eine bedrückende, klaustrophobische Atmosphäre zu erzeugen. Die Bedrohung durch die Besatzer ist allgegenwärtig, doch fast noch beängstigender ist die innere Leere der Menschen, die sich mit der Situation arrangiert haben oder selbst zu Tätern werden. Widerstand, Mitgefühl oder Hoffnung erscheinen nur als schwache, flackernde Möglichkeiten. Der Roman ist weniger ein politischer als ein existenzieller Text: Er zeigt, wie schnell unter Druck jede moralische Gewissheit zerfallen kann.

Besonders bemerkenswert ist, dass Simenon Frank nicht als klassischen Bösewicht zeichnet. Er ist kein Monster, sondern ein junger Mann, der in einer moralisch zerstörten Welt aufgewachsen ist und in ihr keinen anderen Maßstab mehr kennt. Erst im Verlauf der Handlung, als Frank verhaftet und eingesperrt wird, beginnt sich bei ihm langsam so etwas wie Selbstreflexion zu regen. Doch selbst diese Entwicklung bleibt verschwommen und ohne echte Erlösung.

Man kann diesen Roman auch als literarische Verarbeitung von Simenons eigener Auseinandersetzung mit der Besatzungszeit lesen, ohne jegliche simple Schuldzuweisungen oder heldenhafte Geschichten des Widerstands. Stattdessen zeigt er eine Gesellschaft im moralischen Ausnahmezustand – und Menschen, die in diesem Zustand ihre Menschlichkeit verlieren oder nie wirklich entwickeln können.

In dieser Grafic-Novel-Ausgabe aus dem Carlsen Verlag ist alles das überaus treffsicher umgesetzt. Die düstere Atmosphäre, das Fehlen jeglicher Perspektive oder von Alternativen zum Status Quo, es gibt keinen moralischen Kompass mehr, denn es geht nur noch um eigenes Weiterleben, welche Wirkung das auf die anderen hat.

Ein Beispiel für die grafische Umsetzung eines Romanes, das vielleicht sogar treffsicherer das transportiert, was der Autor Georges Simenon im Sinn hatte, als er ihn schrieb.




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