Buchbesprechung/Rezension:

Arne Kohlweyer: Ostkind

Ostkind
verfasst am 19.12.2022 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Gesellschaftromane, Kohlweyer, Arne
Buchbesprechung verfasst von :
LiteraturBlog Bewertung:

Zurück in den 1990er-Jahren, dem Jahrzehnt, zu dessen Beginn aus DDR und BRD das geeinte Deutschland entstand. Marko feiert im Sommer dieses Jahres seinen neunten Geburtstag.

Einiges ist anders, als in den Jahren zuvor, denn die vor der Wende so sehnsüchtig betrachteten Errungenschaften der Marktwirtschaft ziehen auch im Osten ein. Nicht zugleich bei allen, sondern Schritt für Schritt, Familie für Familie.

Manche fahren noch Trabant, andere schon einen Volkswagen. Viel wohnen noch im Plattenbau, so wie Marko, seine Eltern und seine große Schwester Melanie. Manche leben noch in der alten Zeit der DDR und müssen sich als Unverbesserliche bezeichnen lassen, manche haben den neuen Lebensstil schon verinnerlicht und werden vielleicht Wendehälse genannt.

Marko ist jetzt also neun Jahre alt, oder „beinahe erwachsen“, wie er selbst es benennen würde.

Wie versetzt man sich als Erwachsener in die Welt einen Neunjährigen? Kann man sich noch daran erinnern, wie es einem selbst erging oder nimmt man nur an, wie es gewesen sein müsste – was man dachte, fühlte, sich wünschte? Mir persönlich würde das schwerfallen zu beschreiben, ohne in klischeehaftes zu verfallen. Arne Kohlweyer hingegen trifft den Tonfall ganz wunderbar, es scheint, als hätte er einen direkten Draht zu allen Neunjährigen der Welt und zu deren Gedanken.

Als Erwachsene haben wir natürlich einen anderen Blick auf ein und dasselbe Geschehen, wir sehen die Welt mit anderen Augen als in unseren jungen Jahren. So wie Marko es sieht und wie man es mitlesen kann, ist das Erlebte manchmal für uns urkomisch, manchmal traurig, manchmal für ihn dramatisch, gefühlt nahe am Untergang der ganzen Welt. Für Marko ist sein neunter Geburtstag ein tiefer Einschnitt, wie er meint: Gestern noch ein Kind (acht Jahre nur!), heute schon auf dem direkten Weg, einer von den Großen zu werden.

Man liest, wie er noch ein wenig ungeschickt versucht, sich als selbständiger junger Mann zu zeigen, wie dabei manches ganz schiefläuft und wie er vieles aus der Welt der Erwachsenen falsch oder noch gar nicht versteht. Welche Komplikationen sich daraus ergeben können, das liest man und jetzt beginnt man (jedenfalls erging es mir so) sich doch ein wenig besser an seine eigene Kindheit und wie es einem erging erinnern.

Angesiedelt ist die Erzählung im Umfeld der Veränderungen, die sich aus der deutschen Wiedervereinigung ergeben haben und natürlich weist auch der Titel „Ostkind“ in diese Richtung. Dabei nimmt aber genau dieses Thema nur den kleineren Teil des Buches ein. Zentral und damit international, egal ob in Ost-Westdeutschland oder in irgendeinem anderen Land Erde, ist das Heranwachsen eines Buben. Marko erlebt einen Sommer, an dessen Ende ein anderer Marko steht als an dessen Beginn, ein Marko, der große Schritte in seine Zukunft gemacht hat.

„Ostkind“ ist ein Buch, das aus meiner Sicht bisher viel zu wenig Beachtung bei den Leserinnen und Leser findet. Mich eingeschlossen, denn hätte mich der Pendragon Verlag nicht darauf hingewiesen, dann hätte ich es wahrscheinlich auch nicht entdeckt – und das wäre tatsächlich sehr schade gewesen.

Was ich nämlich versäumt hätte, das ist eine unglaublich einfühlsame und glaubhaft erzählte Geschichte über ein paar Wochen im Leben eines Buben, der beginnt seine kindlichen Vorstellungen hinter sich zu lassen.




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