Buchbesprechung/Rezension:

Joachim B. Schmidt: Tell


verfasst am 09.09.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Sagen, Schmidt, Joachim B.
LiteraturBlog Bewertung:

Wilhelm Tell, Hermann Gessler, der Gessler-Hut am Marktplatz – alles, was die Legende von Wilhelm Tell ausmacht, ist vorhanden und doch ist es eine viel weiter gehende Geschichte, die Joachim B. Schmidt in seinem Roman erzählt.

Es ist die Schweiz zur Zeit der Habsburger, die das Land dem Landvogt Gessler zur Verwaltung übergeben haben. Gessler wiederum versichert sich der Dienste einiger Soldaten unter dem Anführer Harras, seinem Mann fürs Grobe gewissermaßen. Weil Gessler aber zu oft den brutalen Methoden seines Untergebenen nicht entgegentritt, bringt er damit die Bevölkerung immer mehr gegen sich auf.

Eine erste Begegnung zwischen Tell und Gessler gibt es am Berg, erst die zweite Begegnung wird zu der legendären Szene mit dem Apfelschuss.

Die Sage / Legende des Wilhelm Tell wird mit Elemente aus anderen Sagen, es sind vornehmen alte isländische Sagen, vermengt und damit zu einer wirklich enorm packenden Erzählung. Sehr kurze Kapitel folgen aneinander und mit jedem ändert sich die Erzählperspektive. Die Erzähler in diesen Kapiteln, das sind Tell, sein Sohn Walter, seine Frau Hewig, Gessler, Harras, die Kinder Tells und Soldaten der Habsburger. Hintereinander tragen sie die Erzählung weiter.

Weil es eben so kurze Kapitel sind und weil man sehr oft gleich hintereinander über ein Ereignis aus unterschiedlichen Perspektiven liest, ist man schon bald richtiggehend eingefangen von der Dramatik; und das, obwohl man natürlich aus der Legende weiß, was geschehen wird.

Tell weigert sich, den Hut Gesslers zu grüßen, was allen Untertanen der Habsburger zum Zeichen der Ehrerbietung aufgetragen wurde. Zur Sühne wird Wilhelm Tell gezwungen, mit der Armbrust den Apfel auf dem Kopf seines Sohnes zu treffen. Als sich herausstellt, dass Tell sich einen zweiten Bolzen genommen hat, gesteht er, dass er damit den Vogt getötet hätte, wäre der erste Schuss missglückt. Obwohl ihm zuvor die Freiheit versprochen worden war, soll Tell daraufhin mit einem Boot über den Vierwaldstättersee auf die Festung Küssnacht in den Kerker gebracht werden. Tell entkommt und tötet wenig später den Vogt. Soweit die Legende.

Was zu dem Geschehen auf dem Marktplatz führt und was danach geschieht, das ist eine ganz neu erzählte Geschichte, zum einen darüber, welches rechtlose und armselige Leben die Menschen und auch die Familie Tells damals unter den Habsburgern führten und zum anderen, wie Wilhelm Tell danach über seine Familie und die Eidgenossenschaft wachte.

In Erwartung einer Neuerzählung der Tell-Legende war ich in den ersten Kapiteln zunächst etwas verwirrt. Denn da ist von einer Bärenjagd zu lesen, von der Begegnung Tells mit Gessler auf einem schmalen Bergpfad, vom Bruder Tells, der vor vielen Jahren nicht mehr aus den Bergen zurückkam und davon, wie Tell die Rolle seines Bruders als Vater Walters und Ehemann Hedwigs übernahm. Gessler wiederum ist nicht der absolute Bösewicht, sondern einfach zu zaudernd, um seinen brutalen Untergebenen Einhalt zu gebieten.

Mit jeden den kurzen Kapiteln (es sind immer nur ein oder zwei Seiten) entfaltet sich dann aber eine Handlung voller Spannung, eine Vorgeschichte, die sich nahtlos mit der Legende zusammenfügt. Hat man sich dann erst einmal eingelesen, dann entwickelt sich „Tell“ schon nach wenigen Kapiteln zu einem richtig gehenden Thriller.

Eine wirklich großartige Verbindung der klassischen Legende mit Elementen aus Sagen, die, wie der Autor selbst beschreibt, zwar aus Island stammen, so aber auch in den Bergen der Alpen entstanden sein könnten.

 




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