Buchbesprechung/Rezension:

Jenny von Sperber: Fritz, der Gorilla
Biografie eines faszinierenden Menschenaffen

verfasst am 01.05.2022 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Naturwissenschaft, Sperber, Jenny von
Buchbesprechung verfasst von :
LiteraturBlog Bewertung:

Tiere denken und fühlen, sie kommunizieren und erinnern sich. Es ist ein wirklich faszinierendes und weites Feld, mit dem man sich beschäftigen sollte, denn Menschen mögen sich zwar als die höchst-entwickelte Spezies der Erde betrachten, aber viele andere Lebewesen sind uns in vielen Bereichen weit näher, als man es in der Vergangenheit glaubte.

Was die meisten Menschen aus dem eigenen Umfeld kennen, das sind unsere Haustiere wie Hunde und Katzen, oder die sogenannten Nutztiere wie Schweine, Rinder oder Vögel wie die Krähen oder Papageien. Mit ihnen allen ist eine Kommunikation möglich. Weit seltener haben Menschen die Chance, mit Menschenaffe zu kommunizieren und genau das wäre etwas, das mich persönlich enorm interessieren würde – einfach, weil man dabei uns selbst am nächsten kommt.

Die Wissenschaftsjournalistin Jenny von Sperber kam durch ihre Arbeit in Kontakt mit den Gorillas im Zoo von Nürberg. Dort lebte, es war im Jahr 2016, der Gorillamann Fritz, damals 53 Jahre alt. Wie nachzulesen ist, war es zuerst Fritz, der Kontakt mit seiner späteren Biografin aufnahm, während der Filmaufnahmen im Zoo ließ er sie nicht aus den Augen. Das schaffte das Interesse der Autorin daran, sich mit dem Leben des alten Gorillas und den Verhältnissen in modernen Zoos zu beschäftigen.

Fritz, eines von vielen geraubten Kindern

Daraus entstanden ist eine Biografie eines Menschenaffen, die naturgemäß größere Lücken haben muss, als eine Biografie eines Menschen. Diese Lücke werden gefüllt mit allgemeinem Wissen über vergleichbare Schicksale anderer Gorillas, die aus Afrika nach Europa „verschleppt“ wurden, mit dem Wissen um die Zustände in den 1960er-Jahren, als Tierhändler noch ungestraft und rücksichtslos Tiere einfingen und aus dem Wissen über die auch heutzutage noch grassierenden Verbrechen, die Wilderer und Jäger tagtäglich an wehrlosen Tieren begehen.

Fritz wurde in Kamerun gefangen, weshalb die Autorin auch noch eine Zusammenfassung der historischen Entwicklungen in dem Land in Westafrika, beginnend mit der Zeit, als Kamerun deutsche Kolonie war. Wenn man in diesen Abschnitten liest, wie brutal die Gorillakinder ihren Familien entrissen wurden, dann ist das, gelinde gesagt, erschütternd. Um an die wertvolle Ware zu gelangen, wurden die Mütter oder gleich die ganzen Familien der kleinen Gorillas umgebracht, Gewissen und Moral gab es bei den Tierfängern, aber auch bei den Abnehmern wohl nicht allzu oft. Wie genau die ersten Lebensjahre von Fritz anliefen, ist nicht bekannt; seine belegte Biografie beginnt im Jahr 1966, als er im Münchner Zoo ankam. Ein drei Jahre altes Baby, das alles verloren hatte, was es bislang kannte.

Erwachsen werden in der Welt der Menschen

Erst nach und nach setzte ein Umdenken ein, an dessen vorläufigen Ende den Zootieren eine möglichst naturnahe Umgebung geboten wird; und nach dem die Zoos ihren Daseinszweck weniger in der Zu-Schau-Stellung als in der Alterhaltung und Forschung sehen. Ein Umdenken, dass auch bei den Menschen insgesamt stattfand, sah man lange zuvor doch Menschenaffen als Ungeheuer an (dass King Kong die Gestalt eines riesigen Gorillas hat, kommt nicht von ungefähr).

Im Jahr 1966 jedenfalls war es oft nur der Initiative einzelner Menschen zu verdanken, dass neu angekommene Wildtiere behutsam und mit Zuneigung betreut wurden. Die Käfige waren wirklich noch Käfige, deren Konstruktion sich kaum an den Bedürfnissen der darin gehaltenen Tieren orientierten. Ganz allgemein wusste man damals in Wahrheit viel zu wenig über die Haltung der Tiere, womit es sich eigentlich verboten hätte, diese in den Zoos auszustellen.

Die Tierhaltung in Zoos ist, trotz aller Verbesserungen, weiterhin Gegenstand von Diskussionen über Ethik und Moral, denn selbst bei bestem Willen bleibt es für die Tiere eben eine fremde Welt, in der sie niemals so leben können, wie es ihren Bedürfnissen entspricht. Doch wir leben in der wirklich grotesken Situation, dass wir der menschengemachten Gefahr der Ausrottung vieler Tierarten nur durch menschengemachte lebenslange Gefangenschaft eben jener Tierarten verhindern können.

Fritz‘ Leben ab 1966 lässt sich aus den Erinnerungen von TierpflegerInnen und BesucherInnen nachvollziehen, es sind viele Episoden, die diejenigen erzählen können, die Fritz und die anderen Gorillas über die Jahre hinweg betreuten oder besuchten. Beispielsweise hielt sich Fritz beim Niesen immer die Hand vor den Mund – nicht alle Menschen tun das :-). Dazu ist auch über das Schicksal einiger von Fritz‘ Nachkommen zu lesen.

Das ganze Buch ist ein stetiges Auf und Ab der Emotionen: der Zorn und das Unverständnis darüber, wie grausam Menschen mit anderen Lebewesen umgehen können und die Faszination über das Wesen, den Charakter und die Präsenz eines alten und weisen Gorillas, wie Fritz einer war. Ganz besonders berührend ist es, darüber zu lesen, wie es war, als Menschen und Gorillas von Fritz Abschied nehmen mussten, dessen Leben im Jahr 2018 im Alter von 55 Jahren endete.

Wenn wir wissen, dass Menschenaffen denken, dass sie Erinnerungen und Emotionen haben, dann fehlt uns doch der letzte Einblick, wie es sich anfühlt, ein Gorilla zu sein und die letzte Vorstellung davon, wie ein Gorilla die Welt sieht. Wie grandios wäre es, davon etwas zu erfahren.

Die Biografie von Fritz ist alles in allem weitaus mehr als Chronik oder Sachbuch; sie ist auch ein Buch darüber, wie sich Menschen aus Gedankenlosigkeit und in Folge der grassierenden Selbstüberschätzung unserer Spezies zum schlimmsten Feind des Lebens auf der Erde entwickelt haben, der nun versucht, einen Teil seiner eigenen Untaten wieder gutzumachen.




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