Buchbesprechung/Rezension:

Neil Shubin: Die Geschichte des Lebens
Vier Milliarden Jahre Evolution entschlüsselt


verfasst am 03.05.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Naturwissenschaft, Shubin, Neil
LiteraturBlog Bewertung:

Evolution, ganz allgemein betrachtet, ist schon ein faszinierendes Thema. Wenn Evolution Schritt für Schritt abläuft, wenn sie kein Ziel hat, sondern eine Aufeinanderfolge von Zufällen ist: wie konnten dann immer wieder gänzlich neue Lebensformen entstehen?

Ein Buch, das es auch für mich als Laien ganz hervorragend erklärt: „Die Geschichte des Lebens“ macht verständlich, wie die Tiere an Land kamen, wie sie zu fliegen begannen, wie es überhaupt möglich war, dass etwas ganz Neues entstehen konnte, dass sich nicht nur in wenigen Details, sondern gleich in vielen von seiner Ausgangsbasis unterschied. Der Schlüssel liegt darin, dass einige der Veränderungen schon vorhanden waren, bevor sie benötigt wurden: Fische mit Lungen schwammen in den Ozeanen, bevor ein Lebewesen das Land betrat; Dinosaurier trugen Federn, bevor ihre Nachfahren, die Vögel, diese zum Fliegen benutzten. Und viele Beispiele mehr. Bei allen entwickelten sich die einzelnen Bausteine für oft ganz andere Zwecke, bis irgendwann die Summe der Bausteine etwas Neues ermöglichte.

Oder das Beispiel „Erinnerung“:
Ohne Erinnerung würde es uns Menschen in unserer heutigen Form gar nicht geben und auch viele andere Tiere können sich „erinnern“ (wo ist das Nest, was kann ich essen, was ergibt 2+2,  …). Diese ganz fundamentale Leistung verdanken wir einem Virus, das sich schon recht früh in der Entwicklungsgeschichte in einigen unserer Vorfahren eingenistet hat. Es wurde umgewandelt, assimiliert und ist nun unverzichtbarer Teil des Lebens. So wie überhaupt bis zu 10% von uns aus der Assimilation von bzw. Symbiose mit Viren und Bakterien bestehen.

In einer Verknüpfung von Erkenntnissen aus Genetik, Paläontologie, Archäologie, Biologie und der historischen Entwicklung der Wissenschaften in diesen Bereichen entsteht ein sehr klares Bild über die Grundsätze, nach denen die Evolution „arbeitet“.

Wer also wissen möchte (bzw. immer schon wissen wollte), wie es möglich war, dass auf der Erde plötzlich gefiederte Wesen auftauchten, die fliegen konnten, wie aus Fischen Wesen wurden, die auf vier Beinen gehen und mit Lungen atmen, findet mit diesem Buch alle die Informationen dazu, die man benötigt, um ein wenig von alledem zu verstehen.

Dieses Buch über die Evolution hat auch die Evolution der wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Inhalt. In der vergangenen Jahrhunderten traten immer wieder kreative und wissbegierige Forscher auf den Plan, die  ein Puzzleteil an das andere setzten und so für  die kontinuierliche Erweiterung unseres Wissens sorgten. Darunter waren auch wissenschaftliche Irrwege, aber so ist das eben mit dem System von Versuch & Irrtum. Neil Shubin porträtiert berühmt gewordene und der breiten Öffentlichkeit unbekannt gebliebene Forscher, die eines gemeinsam haben: Sie haben unser Wissen über die Entwicklung des Lebens erweitert.

Wenn auch für Laien großteils sehr gut verständlich – quasi ein Erklärbuch für die meisten LeserInnen – so übersteigen ein paar wenige der Informationen über Genom und Gene, Aminosäuren und Protein meinen Verständnishorizont. Was aber nichts daran ändert, dass nach dem Lesen das eigene Verständnis für die Milliarden Jahre alten Vorgänge um ein großes Stück angewachsen sein wird.

Das Tempo der Forschung und der Entdeckungen hat sich mit neuen technischen Möglichkeiten in den letzten Jahrzehnten enorm erhöht und erhöht sich weiter. Wenn man bei der Evolution beginnt, dann wird man im 21. Jahrhundert unweigerlich bei der Gentechnik landen. Das Buch erklärt dazu in groben Zügen, wie Gene funktionieren und wie man, hier klingt es so einfach, in deren Funktionsweise eingreifen kann.

Aufregend ist, das dieses Thema noch lange nicht abgeschlossen ist; laufende Forschungen werden uns auch in Zukunft mit faszinierenden, sicher oft auch überraschenden Erkenntnissen versorgen.




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