Buchbesprechung/Rezension:

Richard J. Evans: Tod in Hamburg
Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830 - 1910


verfasst am 03.03.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Evans, Richard J., Geschichte
LiteraturBlog Bewertung:

Auch wenn die „Cholera-Jahre“ schon im Titel des Buches den thematischen Schwerpunkt vorgeben, so ist „Tod in Hamburg“ vor allem und weit darüber hinausgehend eine umfassende Stadtchronik Hamburgs im 19. Jahrhundert.

Denn um zu verstehen, wie sich eine Cholera-Epidemie ausbreiten konnte, ist es erforderlich, sich die Struktur der Stadt genauer anzusehen. Wie also die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse waren und wie sich das alles im betrachteten Zeitraum 1830 – 1910 in einer bis dahin nicht gekannten Rasanz veränderte. Eine Rasanz, die zur Folge hatte, dass Infrastruktur und Versorgungslage der steigenden Bevölkerungsanzahl nicht entsprachen.

Hamburg nahm als alte Hansestadt schon immer eine Sonderstellung innerhalb der deutschen Länder ein. Das hielt sich auch noch, nachdem man sich, wenn auch erst nach Druck aus Preußen, in das Kaiserreich integrierte.  Der Hamburger Senat bestimmte alleine über die Stadt und somit eine verschwindend kleine Gruppe von Menschen, die sich aus der Bürgerklasse rekrutierten. Eine Besonderheit war dabei, dass es sich bis weit in das 19. Jahrhundert hinein nicht um Fachleute handelte, es gab also keine kommunale Verwaltung im heutigen Sinn, wie sie zur selben Zeit in anderen Großstädten bereits existierte. Eine Epidemie musste daher die Stadt zwangsläufig völlig unvorbereitet treffen.

Erst die Wahlrechtsreformen im Kaiserreich verschafften einer größeren Gruppe der Bevölkerung der Stadt das Wahlrecht, jedoch nur auf nationaler Ebene. So entstand das Paradoxon, dass die Stadt Hamburg lange nur von den „Patriziern“ regiert wurde, während die Vertretung Hamburgs im Reichsrat in Berlin von der Arbeiterschaft bzw. deren Repräsentanten dominiert war.

Ein Schwerpunkt des Buches ist, natürlich, der Bereich Hygiene, Gesundheit. Medizin. Das umfasst zunächst eine so realistische Beschreibung der sanitären Zustände in Hamburg, dass man beinahe beginnt, sich selbst körperlich unwohl zu fühlen. Aus unserer heutigen Sicht unglaubliche Zustände herrschten damals, die selbst für die Schlimmes gewohnte damalige Bevölkerung unerträglich waren. Die Fleete, heute Wahrzeichen der Stadt, waren stinkende Müllhalden, das Wasser wurde direkt aus Elbe und Alster getrunken, Exkremente von Menschen und Tieren und Abwässer landeten direkt in den Kanälen … Als dann aus Asien die Cholera nach Europa vordrang, war eine Stadt wie Hamburg gewissermaßen das prädestinierte Einfallstor und mehr oder weniger hilflos der Seuche ausgeliefert.

Besonders interessant ist die Analyse, warum es gerade in Hamburg zu einem so folgenreichen Ausbruch kommen konnte. Zwar gab es im 19. Jahrhundert mehrere solcher Cholera-Ausbrüche, doch jener im Sommer 1892 – der weniger als zwei Monate dauerte – forderte mit rund 10.000 Toten den größten Tribut. Evans erklärt nun (auch anhand von vielen Grafiken und Tabellen), wie es möglich war, dass Hamburg so schwer getroffen wurde, während das nur am anderen Flussufer gelegene Altona oder die Schwesterstadt Brems kaum Opfer zu beklagen hatten.

Zusammengefasst lässt es sich mit einer Mischung aus Inkompetenz, dem Ignoreiren wissenschfatlerich Erkenntnisse, zögherlicher Handlungen und dem Vorrang von WIrtschaftinterssen gegenüber Menschenleben beschreiben.

Dieses Buch wurde bereits im Jahr 1987 veröffentlicht. Die Motivation des Verlages, es im Jahr 2022 als Pandemie-Buch neu aufzulegen, ist durchaus nachvollziehbar. Was sich aber aus dieser Neuauflage ergibt, das ist jetzt eine doppelte historische Betrachtung.

Zum einen natürlich die wissenschaftliche Aufarbeitung der Zustände in Gesellschaft und Politik im 19. Jahrhundert.  Zum anderen aber, und das weniger beabsichtigt als vielmehr dem Zeitabstand von 35 Jahren seit der Erstveröffentlichung geschuldet, ein Blick auf die veränderten Betrachtungsweise, auf die veränderten Blickpunkte, auf das, was sich in unserem Blick zurück seit damals geändert hat. Zu lesen ist also, wie Richard J. Evans aus seiner damaligen Perspektive die Ereignisse eingeordnet hat. Was er in einigen Fällen (beispielsweise Umweltwelt, Nachhaltigkeit) heute möglicherweise etwas anders (manches gewichtiger, manches weniger ausführlich) einordnen würde. Alleine diese Veränderung ist es schon wert, das Buch zu lesen.

Beim Lesen, um wieder auf das Buch selbst zurückzukommen, muss man sich auf eine sehr detailreiche Analyse einstellen: Zahlen, Namen, Daten über Bevölkerungsentwicklung, Einkommen, Zusammensetzung der Stadtregierung, Investitionen, Industrialisierung und Leistungen. Dazu die schrittweise Veränderung  des wirtschaftlichen Schwerpunktes von einem überwiegend auf Handel ausgerichteten Wirtschaft auf eine breitere Basis mit Handel, Industrie und Dienstleistungssektoren.

Trotz dieser enormen Menge an Informationen gelingt es Evans, wie man es von ihm kennt, auch ganz ausgezeichnet, die Atmosphäre zu vermitteln, die in der Stadt herrschte, wie es sich lebte und wie unterschiedlich die einzelnen Gesellschaftsschichten die Zeit erlebten.




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