Buchbesprechung/Rezension:

Joseph Lemark: In der Fremde
Die dunkle Seele des Südens


verfasst am 21.05.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Lemark, Joseph
LiteraturBlog Bewertung:

Zunächst diese Idylle, die Josef Vierziger sich im Süden Italiens, in der Nähe der Stadt Ostuni, aufgebaut hat. Wenn man liest, wie er sich dort eingerichtet hat – das alte, renovierte Gemäuer, der Blick übers Meer, die Abgeschiedenheit – dann bekommt man beinahe selbst Lust, seine sieben Sachen zu packen und in die Beschaulichkeit Apuliens umzuziehen.

Doch halt, nicht so schnell! Wir befinden uns immerhin im Land der Mafia-Familien und in so einer Gegend kann man schnell zu einem Kollateralschaden einer Auseinandersetzung werden und niemand wird sich darüber wundern.

Weil Vierziger einerseits Österreicher und andererseits ehemaliger Polizist ist, wundert er sich nicht nur, er wird auch noch – ohne viel nachzudenken und ein wenig sorglos – aktiv. Dass er dabei die süditalienische Grundregel „Nichts hören – nichts sehen – nichts reden“ ignoriert, stellt sich schon bald als grober Fehler heraus. Was ihn aktiv werden lässt, das ist zunächst der Mann, der mit einer Schusswunde in der Einfahrt zu Vierzigers Grundstück liegt; und wenig später die schlimm zugerichtete Leiche der Frau, die Vierziger findet, als er der Blutspur, die der Mann hinterlassen hat, zum Strand folgt. Beide Opfer sind ganz offensichtlich Flüchtlinge, stammen aus Afrika.

Jacopo, der verletzte Mann, den Vierziger nun in seinem Haus beherbergt, erzählt von seiner Flucht. Wie er mit seiner Frau seine Heimat Niger verließ, um den Islamisten zu entgehen, die Durchquerung der Sahara, das Boot, das sie über das Mittelmeer brachte, das Flüchtlingslager, in dem sie interniert und wie Sklaven gehalten wurden.

Ohne viel nachzudenken hat sich Vierziger also in den Fall, der ihn doch überhaupt nichts angeht, eingemischt. Dass ihn der örtliche Polizeichef dabei von Anfang an in die Schranken weisen möchte, ist logisch, Maresciallo Di Gaetano braucht nichts weniger, als dass ein pensionierter Kommissar aus Österreich in seine Arbeit pfuscht. Doch verhindern kann er es nicht und es beginnt schon damit, dass Vierziger verschweigt, dass er den Ehemann der Ermordeten bei sich versteckt.

Die beiden Polizisten werden noch öfters miteinander zu tun haben, denn Vierziger und sein Mitbewohner, der Hund Nero, sind sehr gut darin, in brenzlige Situationen zu geraten oder unerfreuliche Entdeckungen zu machen. Entführte Kinder, das schwer bewachte Flüchtlingslager, eine verborgene Höhle, die einem irren Mörder als Unterschlupf dient, die lautstarke Propaganda der örtlichen Faschisten. Es könnte einem fast die Freude an der Gelassenheit der Menschen und der landschaftlichen Schönheit verderben. Aber es gibt sie ja doch, die hilfreichen Nachbarn, die Vierziger zur Seite stehen, wie den Anwalt oder den Arzt, die ohne zu zögern zusagen, Jacopo zu helfen.

Joseph Lemark lässt viel passieren, in und rund um Ostuni, der „Città bianca“ an der Ostküste Italiens; doch trotz dieser Vielzahl an Ereignissen behält man leicht den Überblick, wenn Josef Vierziger nach und nach die Zusammenhänge aufdeckt.

Josef Vierziger ist ein sympathischer Held, der nur einen, dafür aber ganz wesentlichen, nachteiligen Charakterzug hat: Er weiß nicht, wann er aufhören soll. Dazu kommt, dass es für einen „Zugereisten“ wie ihn nicht einfach ist, die Guten und die Bösen zu erkennen, denn gerade um das richtig einzuschätzen müsste man ein wenig mehr über die Vergangenheit wissen und mancher verbirgt seine wahren Absichten sehr geschickt. Vor allem aber muss Vierziger feststellen, dass man in dieser Stadt nichts tun oder sagen kann, ohne dass es sofort bekannt wird.

Eine große Portion an südlichem Lebensgefühl wird man mitbekommen, vom Leben in einer Kleinstadt abseits der großen Metropolen. Kleine Cafés, der Wochenmarkt, die typischen italischen 3-Rad-Lastenroller, der Espresso im Stehen. Damit macht „In der Fremde“ ganz nebenbei  einen richtigen Gusto auf Urlaub und Entspannung im Süden (… wären da nur nicht diese Morde …).

Das alles ist wirklich flott zu lesen – ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen. Die Spannung bleibt bis zum Ende erhalten, einiges klärt sich nicht völlig auf und etwas bleibt ungeklärt, quasi als Cliffhanger: Das sieht ganz eindeutig aus wie der Anfang eines weiteren Vierziger-Krimis. Ein kurzweiliges Buch, optimal für den kommenden Urlaub am Strand, in Süditalien oder anderswo; oder für einen Nachmittag auf der Couch, wenn es draußen regnet. Empfehlenswert!

PS: Als Nebeneffekt beim Lesen gibt es auch gleich einen kleinen Sprachkurs Italienisch-Deutsch dazu: Joseph Lemark baut eine umfangreiche Sammlung an Standardsätzen für Italientouristen samt Übersetzungen in seinen Roman ein. Sehr praktisch.




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