Buchbesprechung/Rezension:

Don DeLillo: Die Stille


verfasst am 07.01.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: DeLillo, Don, Erzählung
LiteraturBlog Bewertung:

Ende Jänner/Anfang Februar 2022: Superbowl LVI (sechsundfünfzig). Wer weiß, wie wichtig dieses Spiel in den USA ist, wird sich vielleicht ein wenig vorstellen können was in Millionen von Wohnungen,  Häusern und Lokalen passiert, wenn Sekunden vor dem Anpfiff das Fernsehen ausfällt.

Don DeLillo rückt wohl sehr bewusst diesen Moment in das zeitliche Zentrum der Erzählung, weil er natürlich weiß, dass „Superbowl und kein Fernsehen“ für die meisten Amerikaner wahrscheinlich schlimmer ist, als es ein Vulkanausbruch im Yellowstone-Park oder ein Erdbeben in Kalifornien wäre. Das ultimative Katastrophenszenario quasi.

Die Kommunikation fällt aus, manches technische Gerät dazu. Ein Flugzeug ist von diesem Blackout betroffen, ein Auto aber nicht. Welche Selektion wurde getroffen? Was dramatischer ist … oder lebensnotwendiger?

In ihrer Wohnung in New York haben sich Diane Lucas und Max Stemmer gemeinsam mit ihrem Gast Martin schon um den Fernseher versammelt. Zwei Gäste werden noch erwartet, die aus Paris kommen und direkt vom Flughafen dazustoßen sollen. Jim und Tessa erleben den Blackout im Landeanflug mit; das Flugzeug stürzt beinahe ab, mit Glück haben sie nur ein paar kleine Verletzungen davon getragen. Vom Flughafen in die Wohnung der Freunde zu kommen, ist unter den gegebenen Umständen nicht einfach. U-Bahn, Züge, Aufzüge – die gewohnten Hilfsmittel funktionieren nicht mehr. Was aber funktioniert, das sind die menschlichen Körper, denen es jetzt zugemutet wird, sich zu Fuß durch die Stadt zu bewegen oder aus eigener Kraft ein oberes Stockwerk zu erreichen.

DeLillo macht nicht viele Worte um die Ereignisse. Seine Protagonisten sprechen in bruchstückhaften Sätzen miteinander, sie wissen – nach unendlich lange scheinender Beziehung – dass sie nicht mehr zu brauchen. Manchmal bleiben es auch bei einzelne Wörter, die vollständigen Sätze rundherum mag man sich selbst dazu denken. Viele Worte werden es insgesamt nicht, denn mit Seite 106 endet dieser Roman … diese Erzählung auch schon wieder.

Was immer auch DeLillos Ausgangsgedanke für dieses Buch gewesen sein mag. Ich kann mir beispielsweise gut vorstellen, dass es ein Roman über die ausufernde Über-Kommunikation und Über-Automatisierung werden sollte. Beides miteinander führte schon zu neuen Generationen von Menschen, die gänzlich abhängig von ihren digitalen Krücken sind (denn: Es muss ja nicht alles Bezug zum Corona-Lockdown haben)

Was verursacht nun diesen Ausfall? Die Chinesen, ein ausländischer Geheimdienst? Außerirdische oder die Nordkoreaner? Oder wieder einmal nur ein landesweiter Blackout? Bald gehen auch die Lichter aus, ein Eckpfeiler der Zivilisation nach dem anderen schaltet sich ab.

Wäre es jetzt an der Zeit, sich selbst zu überlegen was geschieht, wenn vieles von dem, was unsere Leben ausmacht, von heute auf morgen nicht mehr funktionieren würde?

Am Ende ist dieses Buch ein Fragment, das weder in die Tiefe der Personen noch in die Breite des Geschehens geht; und eine Erklärung liefert es auch nicht, man meint fast, dem Autor wäre die Lust vergangen, weiterzuschreiben. In der Erzählung bleiben viele weiße Flächen, die man selbst befüllen kann, wenn man das denn möchte. Wäre es jetzt an der Zeit, sich selbst zu überlegen was geschieht, wenn vieles von dem, was unsere Leben ausmacht, von heute auf morgen nicht mehr funktionieren würde? 

Ein Roman, der dann gefallen wird, wenn man „selbst mitarbeiten“ möchte.
Andernfalls möglicherweise unbefriedigend.




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