Joachim Zelter: Imperia

verfasst am 12.02.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Zelter, Joachim

Als (unsichtbarer) Beobachter sitze ich mit am Tisch, als der Schauspieler Gregor Schamoni zum ersten Mal mit der schillernden Iphigenie de la Tour zusammen trifft. Schamoni, der ewig in Geldnöten lebende Schauspieler, wie immer auf der Suche nach einer Nebentätgkeit; de la Tour, Professorin der Anthropologie in Konstanz, auf der Suche nach – ja, wonach eigentlich? Jemanden, den sie fördern kann, bewundern kann, vereinnahmen kann?

Mit am Tisch sitze ich, weil es sich so bildlich vorstellen lässt, wie dieses erste Treffen (es werden dann noch unzählige weitere) abläuft. Wie der eine, Schamoni, erst einmal die ganze Erscheinung der anderen auf sich wirken lassen muss. Wie die andere, de la Tour, wie eine Naturgewalt über ihre Mitmenschen herein bricht, ganz von sich überzeugt, über alles bestimmend.

Jonathan, der Ober in den Lokal, in dem das erste Treffen stattfindet, übernimmt ebenfalls eine Rolle in diesem spontan inszenierten Stück, er ist der dienstbare Geist, umsorgt die beiden anderen, nimmt geduldig die Anweisungen und Ratschläge der Professorin entgegen. Wenn Jonathan ebenso großzügig für seine Anwesenheit und Dienstbarkeit belohnt wird wie Schamoni mit den dicken Geldkuverts, dann kann man verstehen, wie er alles erträgt und ich kann ihn mir gut vorstellen, unverbindlich lächeln, leicht gebückte Haltung, wie um der Professorin deren herausragende Rolle zu bestätigen.

De la Tour und Schamoni: es werden regelmäßige Treffen und regelmäßige Kuverts, nur die Orte ihrer Treffen wechseln. Andere Lokalitäten, andere Ober, die alle namentlich bekannt sind und die alle die Professorin und ihre Vorlieben kennen und geduldig über sich ergehen lassen. Schamoni wird herumgezeigt, wie man den neuesten Besitz seinen Bekannten und Freunden präsentiert, es werden Pläne für ihn gemacht, was es zu tun gäbe, um ihm jene Karriere als Schauspieler zu ermöglichen, die seinem Können angemessen wäre. Und Schamoni, der kommt eine Zeit lang zu allen Treffen, die die Professorin vorgibt, denn die Einkünfte aus diesem Nebenerwerb zu seiner Schauspielerei lassen ihn mit einem Mal sorgenfrei leben.

Wie sich die Beziehung der beiden immer weiter in Richtung gegenseitiger Abhängigkeit entwickelt. De la Tour, die den Schauspieler immer mehr vereinnahmt, die selbst wie süchtig nach diesen regelmäßigen Treffen wird. Schamoni, der einen Weg aus diesem Kreislauf sucht, sich immer wieder vornimmt, alles das abzustellen, der dann, Angesicht zu Angesicht mit der Professorin, die klaren Worte nicht über die Lippen bringt.

Der Roman wird Seite für Seite dichter und so wie die beiden Protagonisten voneinander nicht los kommen, so geht es mir auch mit dem Roman selbst – ich lese immer schneller; es ist die Spannung, die Joachim Zelter mit seiner Erzählung  aufbaut, die mich das Buch in einem Zug durchlesen lässt. Eine Erzählung, die immer tiefer in die Seele der beiden Menschen blicken lässt, die zugleich gänzlich ohne Umschweife und erzählerische Schnörksel auskommt.

Iphigenie de la Tour, hochgeschätze emeritierte Professorin – verwitwet, wie man dem Text entnehmen kann – hält sich nicht einfach an den Stationen ihres Lebens auf, sie residiert, sie repräsentiert, sie ist die Darstellerin ihrer selbst. Für Gregor lässt sie Stück für Stück diese Verkleidung fallen, die sie der Welt zeigt. Gregor ist Schauspieler, der sich in seine Rollen einlebt, Iphighenie aber lebt in ihrer Rolle. In ihrer Hoffnung, ihrem unbedingten Wunsch, in Gregor den Lebensmenschen gefunden zu haben, wird hinter ihrer Maske der Selbstbeherrschtheit, in der sie sonst über ihr Umfeld regiert, ihre einsame Seele sichtbar. Gregor wiederum möchte es, er versucht es immer wieder, aber er kann sich gegen diese Anziehungskraft nicht wehren, die Iphigenie auf ihn ausübt; die weiterhin übergebenen Geldkuverts sind dabei nur ein Faktor in dieser Geschichte der gegenseitigen Abhängigkeit – beide geben und nehmen.

Seine Spannung bezieht der Roman aus der Frage, ob beide aus dieser immer mehr zur Obsession werdenden Verbindung ohne Schaden heraus kommen können; oder ob sie darin gefangen bleiben. Eine Obsession auf beiden Seiten, wenn auch mit so ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Nach der Lektüre der Leseprobe hatte ich noch keine Vorstellung davon, was mich dann beim Lesen des ganzen Romanes erwartet. Dass ein so dünnes Buch von knapp 180 Seiten so viel Tiefe und Vielschichtigkeit bieten würde.

Großartig, dieser Einblick in einen kleinen Ausschnitt aus der unendlichen Bandbreite menschlicher Beziehungen. Komisch und tragisch zugleich!



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