Theres Essmann: Federico Temperini

verfasst am 07.03.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Essmann, Theres, Romane

Warum es Jürgen Krause ist, den der Anruf erreicht, das weiß man zunächst gar nicht so genau. Jedenfalls meldet sich am anderen Ende eine Stimme, die einem älteren Herren zu gehören scheint, der sich als „Federico Temperini“ vorstellt.

Jürgen Krause ist Taxifahrer in Köln, aber der Anrufer möchte ihn als Chauffeur engagieren, gelegentlich, immer nach vorheriger Vereinbarung für ein paar Stunden, mit fixem Honorar. Auch wenn Jürgen Krause das zunächst etwas befremdlich findet, so kann er sich dem mit so viel Bestimmtheit vorgetragenen Wunsch nicht verweigern. Der ältere Herr entpuppt sich bei ersten Auftrag als schmale Erscheinung, verschlossen, ein wenig der Welt entrückt, wie es Krause vorkommt.

Die Fahrten führen zunächst immer zur Philharmonie. Konzerte, die der alte Herr besucht, manchmal bis zum Ende bleibt, manchmal verlässt er die Veranstaltung schon in der Pause. Dann wartet Krause bereits, um seinen Fahrgast wieder nach Hause zu bringen. Es läuft zumeist sehr formvollendet ab, wie eben ein Chauffeur den Wagenschlag öffnet, wie sich der Gast auf die Rückbank setzt. Und immer erzählt Temperini von Niccolò Paganini, dem Teufelsgeiger, weiß alles über dessen Werk und Wirken.

Zu den Fahrten zur Philharmonie kommen dann mit der Zeit auch Ausflüge hinzu, zu denen Krause bestellt wird.

Mit der Anzahl der Fahrten entwickelt sich auch das Interesse der beiden füreinander, obwohl Federico Temperini noch lange die Aura des Geheimnisvollen, des Entrückten umgibt, bis er langsam beginnt, sein Leben zu offenbaren.

Theres Essmann erzählt behutsam davon, wie diese beiden so unterschiedlichen Männer, Krause und Temperini, zueinander Vertrauen fassen, wie eine Verbindung zwischen den beiden wächst, die sich sich mit Worten nicht wirklich erklären lässt. Temperini liegt so viel daran, Krause in seine Welt der Musik, in die Welt des Niccolò Paganini einzuführen und Krause beginnt sich langsam für diese Welt zu intressieren.

Es ist eine Geschichte, von der man angesogen wird und die sehr sanft, aber auch sehr bestimmt, zuerst für Interesse, dann für Neugierde sorgt. Eine Geschichte, die über das hinaus führt, was Menschen sind: hin zu dem, was von ihnen bleibt.

Wenn sich jemand fragt, wofür es sich lohnt zu leben, dann wäre eine richtige Antwort wohl: „um in der Erinnerung der anderen einen festen Platz einzunehmen“.

So lese ich diese Novelle mit einem Gefühl zu Ende, das sich aus Traurigkeit und Zuversicht zusammen setzt; und bin sehr angetan von der zugleich menschlichen und fragilen Atmosphäre, die Theres Essmann auf diesen etwas mehr als 150 Seiten entwickelt.



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