Bettina Balàka: Die Tauben von Brünn

verfasst am 18.10.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Balàka, Bettina, Romane

Johann Carl von Sothen war in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Wien ein Beispiel für einen Kapitalisten und unbarmherzigen Ausbeuter seiner Arbeiter. Selbst aus einfachen Verhältnissen stammend, gelang es Sothen, sich durch, wie man annahm, Betrug ein großes Vermögen anzuhäufen, das er auf Kosten der Menschen, die für ihn arbeiteten, skrupellos vermehrte.

In die „Tauben von Brünn“ lässt Bettina Balàka die reale Figur des Johann Carl von Sothen mit fiktiven Personen, deren Leben mit dem von Sothens von Anfang an bis zu dessen Ende untrennbar verbunden war, zusammentreffen.

In Wien, im Collaltopalais Am Hof, leben der junge Johann Carl Sothen und sein Vater im Erdgeschoss, wo sie eine Trafik betreiben. Oben, im Dachgeschoß lebt die Familie Hüttler. Vater und Mutter sterben, als die beiden Kinder, Berta und Eduard, noch sehr jung sind. Sothen nimmt sich, wie es scheint aus reiner Nächstenliebe, der beiden Kinder an, organisiert deren Umzug zur Schwester des Vaters und scheint so viele Jahre lang der gute Mensch zu sein, der den beiden erst einen guten Start ins Leben sicherte.

Als Berta als junge Frau nach Wien zurück kehrt, will sie lange Zeit genau an dieses Bild des guten Menschen Johann Carl Sothen glauben, auch wenn sie immer wieder miterlebt, wie der seine Untergebenen schikaniert. Denn Sothen, später wird er sogar noch zum Baron geadelt, kam zwischenzeitlich zu enormem Reichtum, betreibt ein Bankhaus, besitzt Immobilien und ist überhaupt in eine Unzahl von Geschäften involviert.

Mit der erzwungenen Hilfe von Berta organisiert er einen raffinierten Lotteriebetrug. Berta hatte von ihrem Vater die Leidenschaft für die Züchtung von Brieftauben übernommen. Genau diese Brieftauben sollen nun die Lotteriezahlen von Brünn nach Wien transportieren. In der Zeit vor der drahtlosen Übertragung mussten die gezogenen Zahlen mit einem Boten nach Wien gebracht werden, der aber einige Stunden länger für den Weg benötigte als eine Brieftaube. In dieser Zeitspanne konnte man in Wien noch spielen; Sothen setze die Zahlen, von denen er schon wusste, dass sie gezogen wurden. Dieser Lotteriebetrug hat, glaubt man den überlieferten Erzählungen aus jener Zeit, tatsächlich statt gefunden.

Sothens miserabler Charakter tritt immer deutlicher zutage, doch Beate gelingt es erst nach seinem gewaltsamen Tod, ein wirklich selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu führen.

„Die Tauben von Brünn“  ist ein sehr überzeugendes Bild der Zeit. Welche Verhältnisse damals, in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Wien herrschten, wie die Gesellschaftsschicht die Menschen in eine vorbestimmte Lebensweise zwängte. Mit dem Aufkommen der Bürgertums und der beginnenden Industrialisierung aber wurden die Grenzen zwischen den Gesellschaftsschichten durchlässiger. Einzelne schafften es, ihre Herkunft überwinden und es zu Reichtum und Ansehen bringen. Auf der anderen Seite – und das ist ein mehrfach im Buch aufgeworfenes Thema – hatte die Masse der Bevölkerung kaum die Chance, sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren oder etwas an den oft untragbaren Zuständen zu ändern. Auf Hilfe der Behörden konnte man damals nicht hoffen. Männer wie Sothen bauten ihren Reichtum auf der Not anderer auf.

Berta meint lange Zeit, Johann Carl Sothen zu lieben, bis sie endlich sieht, dass der nicht nur sie ausnützt, sondern dass er den Grundstein für seinen Reichtum erst mit einem Betrug an Berta und ihrem Bruder legen konnte.

So leicht, wie dieser Roman über weite Strecken zu lesen ist, könnte man beinahe den dunklen Hintergrund übersehen. Doch mit Fortschreiten der Erzählung bröckelt die Fassade, hinter sich Leute wie Sothen ein komfortables Leben schufen und es wird sichtbar, dass sie das doch nur auf Kosten anderer schafften. Womit Bettina Balàka einen Bogen zu den Verhältnissen im 21. Jahrhundert spannt, in dem – wiederum mit Duldung durch die Politik – die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht.

Weil es so leicht zu lesen ist, ist es auch schnell gelesen. Was davon bleibt ist ein Mosaikstein im Verständnis über die Zeit und das Leben in der Donaumonarchie. Und darüber, dass auch beinahe 200 Jahre Entwicklung an vielem nichts ändern konnten.

Gute alte Zeit?
Nur für wenige.

Ein empfehlenswertes Buch.



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