Itamar Rabinovich: Jitzchak Rabin
Als Frieden noch möglich schien. Eine Biographie

verfasst am 01.06.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Biographie

Das Jahr 1995: sechs Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, wenige Jahre, nachdem der Kommunismus in Osteuropa zusammengebrochen war, schien der Weg frei für den Siegeszug von Demokratie, Freiheit und Frieden. Die Arbeit dafür war noch lange nicht getan, aber an vielen Orten der Welt geschah das Richtige.

Mit Jitzchak Rabin stand ein Mann an der Spitze des Staates Israel, dem man zutraute, auch den Nahen Osten, nach Jahrzehnten der Kriege und der Konfrontation, endlich zu befrieden.

Doch dann wurde die Welt aus ihren Hoffnungen auf dauerhaften Frieden gerissen, als Jitzchak Rabin am 4. November 1995 in Tel Aviv von einem jüdischer Rechtsextremisten ermordet wurde. Wieder einmal hatte einer, der einer kleinen Gruppe von Fanatikern angehörte, einer, der genauso so unbedeutend war wie seine Gesinnungsgenossen, den Lauf der Welt geändert.

Ein Lauf der seit damals nicht nur in Israel, sondern auch auf der ganzen Welt seine Richtung umkehrte und statt Freiheit und Offenheit nur Neid, Hass, Gewalt und Ausgrenzung nahc sich zog.

Eine Chance ging mit Rabin vorüber und in den vergangenen, beinahe 25 Jahren konnte niemand seinen Platz einnehmen; ganz im Gegenteil, mit dem gegenwärtigen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu ist sogar so etwas wie die Antithese Rabins an der Regierungsspitze. Nationalismus und Ausgrenzung statt Miteinander und Ehrlichkeit.

Rabin wurde 1922 geboren; seine Jugend fiel somit genau in die Zeit der Entstehung Israels. Es ist wohl all den Einflüssen und Ereignissen jener Zeit geschuldet, dass Rabin schon in relativ jungen Jahren in einflußreiche Positionen kam. Er war einer jener, die einen aktiven Beitrag an der Gründung Israels leisteten.

Das Buch ist zugleich Biographie Rabins und Geschichte des Staates Israel. Die Krisen Israels mit seinen Nachbarn, die Kriege, die Terroranschläge, die andauernde Konfrontation mit den Palästinensern, der Bürgerkrieg im Libanon; die Liste der Bedrohungen ist auch die Liste der Ereignisse, die aus dem Nahen Osten einen permanenten Krisenherd machten und machen.

Rabin war einer der Hauptakteure, beginnend mit den Kämpfen, die der Staatsgründung vorausgingen und direkt nachfolgten. Er wurde zum gefeierten Soldaten und Strategen, musste jedoch nach seinem Einstieg in die Politik rasch die Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten erkennen. Rabins erste Amtszeit als Ministerpräsident (1974-1977) endete umrühmlich, seine Laufbahn als Politiker schien beendet. Doch es gelang ihm, seine Reputation wieder herzustellen und schließlich im Jahr 1992 wieder gewählt zu werden.

Eine bis heute wohl einzigartige Karriere, die unaufhaltsam zu sein schien.

Denn in den Jahren hatte sich Rabin gewandelt: er wurde immer weniger Soldat – obwohl er sein Wissen um militärische Zusammenhänge und Konsequenzen immer einkalkulierte und immer mehr Politiker. Immer jedoch blieb Rabin ein schwieriger Partner für seine Kontrahenten und Mitstreiter, der bei allem Willen zur Schaffung von Frieden zuerst das Wohl seines Landes im Blick hatte. So führte der Rabin der Weg zum Frieden gelegentlich über den Umweg bewaffneter Konfrontation.

Im Buch ist über enorm viele Vorgänge, Zwistigkeiten und harte Auseinandersetzungen zu lesen, die mir bislang unbekannt waren. Der Autor Itamar Rabinovich gewährt Einblicke nicht nur in die Außenpolitik (und hier in Rabins Arbeit als Militär, Botschafter, Verteidigungsminister und Ministerpräsident) sondern auch in die inneren Verwerfungen des Landes zwischen den politischen Parteien und innerhalb Rabins Arbeiterpartei. Einblicke, die zum Teil auch auf persönlicher Erfahrung beruhen.

Besonderen Stellenwert nimmt Rabins langjährige Auseinandersetzung mit Simon Peres ein, mit dem ihn so etwas wie eine ewige Haßliebe verband. Beide Männer sahen jeweils sich selbst als die geeignete Führungspersönlichkeit, verstanden es aber auch, in den richtigen Momenten, sich im Sinne der Ziele dem anderen unterzuordnen. Zusammen genommen lässt sich wohl sagen, dass es gerade dieses Zusammentreffen und -wirken zweier herausragender Politiker war, der zu vielen Durchbrüchen in der Friedenspolitik führte.

Rabins Privatleben hingegen wird im Buch nur am Rande gestreift – es ist ein sehr detailreiche Biographie des „öffentlichen“ Jitzchak Rabin.

Bemerkenswert (und erschütternd vergleichbar mit der Situation im Jahr 2019) ist die Darstellung der Stimmung in Israel im Vorfeld des Attentates: eine Allianz aus religiösen Fundamentalisten, rechten Angstmachern und populistischen Politikern trug sehr wesentlich und wissentlich dazu bei, dass ein Attentat auf Rabin immer wahrscheinlicher wurde. Einer der Politiker, die sich durch ihre Wortwahl und duuch das Aufhetzen der eigenen Anhänger mitschuldig am Tod Rabis gemacht haben heisst übrigens Benjamin Netanjahu.

Ungemein interessant und informativ:
Das Buch, von jemandem aus dem engeren Kreis um Jitzchak Rabin geschrieben, liefert Fakten und Einsichten, die die historischen Gründe für die andauernde fragile Situation des Krisenherdes Naher Osten auch für uns Europäer erklären.

PS: Bleibt nur zu hoffen, dass sich bald wieder eine ähnliche Konstellation an Frauen udn Männern in den verantwortlichen Positionen findet, die den Frieden zustande bringen. Mit Akteuren wie Trump oder Netanjahu wohl nicht.


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