Lyonel Trouillot: Yanvalou für Charlie

verfasst am 20.09.2016 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Trouillot, Lyonel

Der preisgekrönte haitianische Autor hat ein Buch geschaffen, voll Hoffnungslosigkeit, voll Traurigkeit. Auf Seite 163 steht „Ich grüße dich, o Erde“. Wie viel  Hoffnung und Optimismus steckt in diesen wenigen Worten. Wenn man die Geschichte Haitis überdenkt, was bleibt dann von diesen optimistischen Worten übrig – nichts.

Mathurin Saint-Fort kommt aus einem kleinen Dorf. Mit Fleiß und Ehrgeiz hat er es in Port-au-Prince zu einem erfolgreichen Anwalt gebracht. Seine Vergangenheit hat er verdrängt. Nichts verbindet in mehr mit dem kleinen, armseligen Dorf.  Auch Anne, seine erste Liebe hat er aus seinem Gedächtnis verbannt. Sie tritt gegen Ende des Buches wieder in sein Leben, sie schreibt ihm Briefe.

Doch eines Tages tritt die Vergangenheit, in der Gestalt von Charlie, in sein Leben. Dieser abgerissene Junge steht eines Tages im Büro von Mathurin und fragt ihn, ob er „Dieutor“  ist. Das ist der zweite Name des jungen Anwalts. Und plötzlich ist die Vergangenheit wieder da. Charlie ist ein Waisenkind und hat mit einigen Freunden seinen Lebensunterhalt mit Diebstählen und Einbrüchen bestritten. Nach einem missglückten Raubüberfall ist er auf der Flucht und erhofft sich Hilfe von Mathurin.

Mathurin reist mit Charlie in seine, Mathurins Vergangenheit, die zum Tod des Jungen führt. Die dramatischen Schilderungen über diese Reise zeigen das Elend, die Hoffnungslosigkeit des Lebens in dem Dorf. Armut und Gewalt beherrschen das tägliche Leben.

 „Die Erde ist ein Stern, den die Menschen in ungleiche Teile zerbrochen haben“. Dieser Satz, auf Seite 174 des Buches, drückt den Schmerz aus, den die Menschen auf Haiti erleiden mussten, noch erleiden müssen, sei es durch Naturkatastrophen oder durch Tyrannei, und durch politischen Unzulänglichkeiten.

Dieses Buch sollte man unbedingt lesen. Der Autor schildert sehr sensibel, das eine oder andere Mal auch mit Ironie, als Seitenhieb auf jene, die auf der Sonnenseite leben, und mit Sympathie für jene, die im Teufelskreis von Armut und Gewalt, leben.

Man lernt das Familienleben von Mathurin kennen, die Dominanz seines Vaters, der mit Gaunereien Großmannssucht demonstriert, und die ohnehin armen Menschen betrügt. Der seine Frau betrügt. Das Heim, in dem Mathurin aufwächst, zeigt ihm alle Unzulänglichkeiten, alle Schrecklichkeiten  in seinem jungen Leben auf. Halt findet er bei seinen drei Freunden und bei Pater Edmond, dem Leiter des Heimes.

Trouillot schildert ein vom Schicksal gebeuteltes Land, mit wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft, in diesem sensiblen, eindringlichen Buch. Es ist eine erschütternde Geschichte über die Trostlosigkeit des Lebens, über die aussichtslose Zukunft für junge Menschen. Einen Lichtblick zeigt das erfolgreiche Leben von Mathurin, der es geschafft hat, sich aus diesem Elend zu befreien, wenn auch sicherlich nicht in seinem Innersten.


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