Andor Endre Gelléri: Die Großwäscherei

verfasst am 11.10.2015 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Gelléri, Andor Endre, Romane

Dieser Roman wurde ab 1930 in einer ungarischen Tageszeitung als Fortsetzungsgeschichte abgedruckt. Gelleri beschreibt darin das Leben einer Vielzahl von Ungarn zu jener Zeit; Lebensumstände, die mir bis zur Lektüre dieses Buches gänzlich unbekannt waren. Er schreibt dabei in einer Sprache, die es schafft, die zugehörigen Bilder in meiner Phantasie entstehen zu lassen – ein Roman, der sich durch seine bildschaffende Sprache, seinen eigenen Film im Kopf der Leserin/des Lesers erzeugt.

Vor den Geschäften, in denen für günstige Angebote geworben wird, versammeln sich Menschenmengen, auf der Suche nach billiger Beute.” – kommt mir richtig bekannt und aktuell vor.

Die gesamte Straße dröhnt vor Geschrei: Niemand spricht hier leise, jeder hebt unwillkürlich die Stimme, sobald er die Schwelle zur Straße mit den vielen Fleischereien überschritten hat.” – da sehe ich ein vergangenes Bild.

Jeder wird flink, die Nerven spannen sich an, in den Gesichtern tanzen Qual und Lächeln, auch in denen der Verkäufer, die mit ganzem Körper gestikulieren, dabei schmeicheln, sich ehrerbietig geben, oder aber denjenigen der geht, ohne etwas gekauft zu haben, laut verfluchen” – da sehe ich bekannte und unbekannte Bilder.

Und in diesem Stil geht es weiter: der Roman beeindruckt mich sehr mit seiner Sprache und erzeugt Spannung. Die Schilderungen der Atmosphäre und der Abläufe in einer Grosswäscherei steht als Beispiel für die kaum nachvollziehbaren Umstände, unter denen die Arbeiter ihr Dabei fristen mussten. Doch auch der Besitzer dieser Wäscherei kann sich den Einflüssen nicht entziehen; wie man damals lebte, leben musste, das neu für mich. Ich erfahre, dass “Mobbing” auch damals (schon) üblich war, in der Arbeitswelt und wie auch im privaten Leben; sexuelle Übergriffe waren selbstverständlich und die „Playboys“ waren angesehene Leute.

Um ihren Arbeitsplatz in der Wäscherei zu behalten, bleibt den Arbeitern und Arbeiterinnen nur die Möglichkeit, immer mehr zu arbeiten, ohne dafür den angemessen Lohn zu erhalten. Stunde um Stunde in einer Umgebung voll von Gestank und Hitze. “Er zittert und ringt um Atem, würde sich am liebsten die Brust zerreißen, doch dann, auf einmal springt er brüllend zur Seite, denn das kaputte Ventil hat sich geöffnet, die schwarze, kochende Farbe schwappt in Wellen aus dem Kessel, in seine Stiefel.” Worauf der Betriebsleiter meint, sein Arbeiter sei ein “Rindvieh, echt ein wahrer Segen.

Die in der Wäscherei ungezügelt verwendeten Chemikalien beeinträchtigen nicht nur die Gesundheit aller, sie sind für einen verzweifelten Arbeiter auch gleich das Werkzeug seinen Selbstmord.

Der Besitzer der Wäscherei verirrt sich in seinen Bildern und seiner Angst. Auch ihn holt die Grosswäscherei aus seinem Leben: heute würden wir sagen durch eine Psychose. Seine Angst baut sich immer weiter auf, bis auch er keinen anderen Ausweg sieht, als sein Leben zu beenden; mit seinem Leben endet auch dieser Roman.

Ich war fasziniert von der Klarheit, mit der Gelleri seine Zeit beschrieben und gesehen hat. Und frage mich, was sich bis heute eigentlich verändert hat.

Gelleri wurde im März 1906 in Ungarn geboren, er starb 1945 in einem Krankenhaus in Wels an einer Flecktyphusinfektion nach der Befreiung aus dem KZ Gunskirchen. Im Nachwort zu diesem Buch wird das kurze Leben Gelleris genau beschrieben.


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