Michail Prischwin: Der irdische Kelch

verfasst am 30.03.2015 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Erzählung, Prischwin, Michail

“Der irdische Kelch” beinhaltet mehrere Erzählungen des russischen Schriftstellers Michail Prischwin. Schon im Prolog stoße ich auf einen mir ungewohnten Schreibstil – in einer Sprachform, die für mich zu Beginn schwierig zu lesen war; aber es machte mich zugleich auch neugierig auf das Kommenden. Viele Passagen habe ich mehrmals gelesen, um die die Aussagen und Ausdrücke wirklich im richtigen Zusammenhang zu verstehen.

In einer durchaus eigenwilligen Beschreibung der Natur philosophiert Prischwin zum Wort Freiheit, über die Auswirkungen dieses Ideals auf das russische Volk nach dem Sturz des Zaren bis hin zu einer Zukunftsvision. Überhaupt setzte sich Prischwin in allen Kapiteln mit den Folgen der russischen Revolution im Jahr 1919 auseinander.

In seinem Blick finden sich aber nicht Taten des großen Trotzkis (oder anderer WRevolutions-Prominenz“) sondern die Auswirkungen auf die Muschikis, auf die Arbeit einer Pfauenwärterin oder auf das Empireschloss. Dieses Schloss wird von einem Schularbeiter in ein “Museum des Gutlebens” umgebaut. Und dieser Schularbeiter Alpatow ist die Hauptfigur der Erzählungen.

Nicht revolutionäre Romantik ist das Wichtigste in Alpatows Leben. Sein Hunger und wie er zu Essen kommt und wie er sich in der Kälte wären kann: das ist seine Realität und darum dreht sich sein Lebensmittelpunkt. Der enorme Wert von 16 Zwiebelknollen wird in einer Erzählung beschrieben. Kurz vorm Erfrieren phantasiert Alpatow über das Leben. “Aber nicht hier, nicht in diesen Überlegungen, sondern in der Seele gab es, trotz Hunger, trotz Erschöpfung und Fieber einen lichten Punkt – wie gern würd ich jetzt die Klasse betreten und den Kindern vom festen Land und dem Wasser das es umspült, erzählen und davon, dass wir nicht mit Wegstaub, sondern mit Wasser getauft werden, und dass die Wunderheiler sagen: Das Wasser, Matuschka, ist wirklich lebendig, heilig, oder ich hätte zumindest gern Papier und irgendein Licht, um meine Gedanken aufzuschreiben.”

Auch die vom Weg aufgelesenen Zwiebelknollen, die Möglichkeit auf einem Fuhrwerk mitzufahren und ein geschenktes großes Stück Brot retteen den Schularbeiter Alpatow nicht vor dem Erfrierungstod.

Russland – so weit weg, so unverständlich? Rußland so nah, jetzt, wenn ich an das Geschehen in der Ukraine denke. Rußland immer noch so unverständlich. Fremd, ja fremd waren für mich auch der Sinn aller Erzählungen in diesem Buch. Gerade deswegen werde ich es nochmal lesen.

Im Anhang finden sich Nachworte von Eveline Passet und Ilma Rakuska die mir geholfen haben den Inhalt dieses Buches besser zu verstehen.


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