Donna Tartt: Der Distelfink

verfasst am 21.11.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Tartt, Donna

Je dicker das Buch, desto länger die Rezension – aber das muss nicht sein, wie hier zu aufzuzeigen ist (dazu später).

Wer sich der Lektüre eines Werks, das auf über 1000 Seiten daherkommt, verdingt, der muss davon schon angetan sein, wie der Verfasser dieser Zeilen. Den Titel verdankt das Buch einem mit 1654 datierten Bild des niederländischen Malers und Rembrandt-Schülers Carel Fabritius.

Das Faszinierende an dem Buch ist, dass man, trotzdem man die Handlung wahrscheinlich auf einige Absätze konzentriert wiedergeben könnte, nicht das Gefühl der Langatmigkeit bekommt, obwohl die Autorin von Anfang an mit detailreichen, scharf beobachteten Schilderungen die Handlung begleitet und oft mehrere Seiten gelesen sind, bevor die nächste Aktion stattfindet.

Wir begegnen dem Protagonisten namens Theodore Decker, einem jungen Mann von Mitte Zwanzig, den wir ab nun nicht mehr verlassen werden, in der düsteren Stimmung eines Amsterdamer Hotelzimmers, wo wir uns auf eine lange Reise in Form einer Rückblende begeben, hin zu der Zeit, als Theo seine Mutter im Alter von 13 Jahren in New York, wo er aufwuchs, verliert. Er gibt sich die Schuld an ihrem Tod und führt letztlich die nachfolgenden Ereignisse darauf zurück.

Wegen einer Vorladung in die Schule verbringt seine alleinerziehende Mutter – der Vater hat die Familie vor kurzem verlassen – den Tag mit ihm und sie besuchen das Metropolitan Museum, wo sie sich kurz trennen und seine Mutter dann einem Bombenanschlag zum Opfer fällt. Er selbst wird in einem anderen Raum verletzt. Im Zuge der Wirren nimmt er, auch auf Anraten eines verletzten, alten Mannes, der ihm zuvor in Begleitung eine jungen Mädchens aufgefallen war, das berühmte Bild an sich, um es in den nächsten Jahren zu verstecken. Es begleitet ihn bei seiner Irrfahrt des Heranwachsens und der mehrmaligen Ortswechsel.

Theo kommt zunächst zu einer wohlsituierten Gastfamilie, den Barbours, wird dann von seinem Vater nach Vegas verbracht, wo er mit dem ukrainischstämmigen Boris die Zeit der Pubertät, angereichert mit Alkohol und Drogen, durchlebt. Das Thema Drogen zieht sich ab nun wie ein dickes rotes Seil (von Faden kann hier nicht mehr gesprochen werden) durch die weitere Handlung (wer hier dazulernen will, der lerne).

Die Handlung wird immer verstrickter und auch die scheinbar eintretende Ruhe, als Theo zurück nach New York flüchtet, ist trügerisch. Er kommt bei James Hobart unter, dem Geschäftspartner, des im Museum getöteten alten Mannes, der Theo einen Ring anvertraut hatte, den er noch als Kind „Hobie“ übergeben hatte. Eigentlich galt Theos Interesse ja Pippa, dessen Nichte, ein Interesse, das zu mehr wird. Es entsteht zwischen den Männern ein Vater-Sohn ähnliches Verhältnis und Theo, nun ein junger Erwachsener, steigt in den Handel von restaurierten Antiquitäten ein, wenn da nicht seine durchaus kriminelle Energie wäre, Leute über den Tisch zu ziehen (aber wie ein Robin Hood nur bei denen, die es verdienten oder sich leisten konnten).

Und dann spielt das mittlerweile in Sicherheit geglaubte Bild wieder eine Rolle und Boris taucht unvermittelt abermals in Theos Leben auf. Um das Bild zu retten, holt Boris Theo von seiner Verlobungsfeier und drängt ihn, mit ihm nach Amsterdam zu fliegen.

Hier schließt sich der Kreis zum Anfang. Und man weiß eigentlich nicht, wenn man zum Ende kommt, der hier wieder an den Beginn anschließt, wird die Geschichte gut ausgehen, kann sie gut ausgehen? Immerhin sind schlimme Dinge passiert, wobei hier das Interessante ist: Trotz aller Düsternis, die ständig die Handlung umspielt, empfand ich den „Helden“ immer als einen sehr positiv eingestellten Menschen, der aus allem noch das Beste zu machen schaffte.

Was hat mir gefallen? Die Sprache, keine Frage, modern, wuchtig, präzise, manchmal poetisch, durchaus passend zu einem überdurchschnittlich gebildeten jungen Mann aus den Staaten, auch der wunderbare Blick auf Kunst und Malerei, wie auch auf die Restaurierung alter Möbel. Dazwischen Aussagen von großer Wucht, beinah philosophisch, jedenfalls oft aufwühlend. Das muss an dieser Stelle auch angemerkt werden: es ist kein angenehmer Zeitvertreib dieses Buch über Freundschaft, Verlust, Drogen, unerfüllte Liebe, enttäuschte Hoffnungen und ausweglos scheinende Situationen zu lesen.

All das schafft Donna Tart nur, indem sie einen eigenen Kosmos für ihre Helden schafft, Helden, die einander immer wieder begegnen – und das in ihren vorgefertigten Rollen, ähnlich einer antiken Tragödie.

Wer also mit Freude depressive Musik hört oder solche Filme ansieht, dem sei die Lektüre dieses wahrlich epochalen Werks wärmstens empfohlen.

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