Kristof Magnusson: Arztroman

verfasst am 13.09.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Magnusson, Kristof, Romane

Gleich zur Klarstellung: Dies ist kein Roman, der im Dunstkreis von Emergency Room oder Greys Anatomy angesiedelt ist; weder  geografisch – der „Arztroman“ spielt in Berlin – noch thematisch: dies ist ein Roman über den Alltag und das Leben der Notärztin Anita Cornelius.

Von Ihrem Ehemann getrennt, der Sohn lebt die überwiegenden Teil der Woche bei seinem Vater und dessen neuer Frau, alleinstehend. Dorthin kommt man, wenn man so viel Zeit für die Arbeit und so viel Emotionen für die Patientinnen und Patienten aufwendet, dass für Freizeit und Privatleben kaum etwas übrig bleibt.

Anita ist aber scheinbar recht zufrieden mit dem Leben, dass sie sich eingerichtet hat. Keine großartigen Verpflichtungen, den Job hat sie sich genau so ausgesucht und Maik, der Rettungssanitäter, mit dem sie im Team arbeitet, ist nicht nur ein guter Kollege sondern auch ein guter Freund. Soweit läuft alles gut, nur Freizeit ist etwas, was sie nicht gebrauchen kann: denn da weiß sie nichts mit sich anzufangen.

Tagesroutine bestimmt also Anitas Leben bis ihr ein unverhoffter freier Nachmittag eine unerwartete Begegnung verschafft; nie hätte es sich vorstellen können, wie schnell aus so einer Begegnung eine Beziehung werden kann. Wie sich so eine Beziehung mit ihrem Single-Leben vereinbaren lässt, muss sich erst heraus stellen.

Kristof Magnusson beschreibt mit Anita, ihrem Exmann Adrian, ihrem Sohn Lukas und Adrians neuer Freundin Heidi vier Menschen, die so unglaublich typisch sind für das schnelle Leben und die vorherrschende Orientierung in Richtung Anerkennung sind. Immer weniger Platz bleibt für Mitgefühl und Empathie, doch das ist ein Zustand, mit dem Anita sich nur schwer anfreunden und abgegeben kann.

Anders sieht es aus, wenn es um die Kranken geht, wenn Anita ausrücken muss, um Menschen zu helfen: der alte Mann, der chronisch krank daheim vor sich hin lebt; der junge Mann, der aus einem völlig zerstören Auto geborgen werden muss; der sportliche, ältere Herr, dessen Herz im Fitnessstudio aussetzt. Anita bewegt sich dann im Spannungsfeld zwischen berufsbedingter Distanz und persönlicher Anteilnahme. Dass sie dabei sehen muss, wie die ihr anvertrauten Menschen oft nach Zahlen und Fakten eingestuft und abgefertigt werden und wie deren Bedürfnisse und Ängste im Krankenhausbetrieb immer seltener eine Rolle spielen, macht ihr zu schaffen.

Eine Zwischenbemerkung: die Beschreibungen der Einsätze der Notärztin, der Arbeit von Feuerwehr und Sanitätern, der Abläufe im Krankenhaus erfolgen sichtlich auf der Wissensbasis einer sehr umfangreichen Recherche (insoferne gibts es schon eine Gemeinsamkeit mit Emergency Room) und vermitteln ein sehr anschauliches Bild über den Alltag der Helferinnen und Helfer.

Wer sich einen ähnlich humorvollen Roman wie „Das war ich nicht“ erwartet hat, muss sich damit abfinden, hier auf einen etwas anderen Kristof Magnusson zu treffen. Er kratzt an der Oberfläche und lässt dabei Unsicherheit, Ängste, unerfüllte Sehnsüchte und verdrängte Wünsche sichtbar werden. Er beschreibt, wie schnell aus scheinbarer Stabilität Verwirrung werden kann.

Oft sehr leichtfüßig in seinen Formulierungen, ja das schon, ein wenig Augenzwinkern auch hie und da, aber vor allem mit viel mehr Blick in die Tiefe der Seelen der Menschen als in seinem vorangegangenen Roman. So, dass man ihm die Geschichte, die er über die Notärtzin Anita Cornelius erzählt, tatsächlich glaubt.

PS: Ach ja: und ein bisserl kitschig wird es auch :-)


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