Georges Simenon: Der Präsident

verfasst am 02.02.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Simenon, Georges

Der PräsidentMit seinem nun so eintönigen Leben kann und will sich der ehemalige Ministerpräsident der Republik nicht abfinden. Mit einem Alltag zwischen Krankheit, Untersuchungen, Spaziergängen; fernab aller Orte, an denen die Entscheidungen für das Land getroffen werden.

Seine aus diesen Umstände entstehende Übellaunigkeit kann er in der Abgeschiedenheit seines Landhauses in der Normandie nur an den Menschen auslassen, die dort für sein Wohlbefinden und für seine Sicherheit zu sorgen haben. Diese Menschen sind zugleich aber auch die einzigen, denen gegenüber er so etwas wie Vertrauen und Zuneigung empfindet. Die Pflegerin, die Köchin, die Sekretärin, der junge Hausarzt. Und noch viele mehr, denn der Staat beschützt und versorgt den berühmten alten Mann, den viele wohl schon als (gerade noch) lebendes Denkmal bezeichnen.

Von seinen privaten Räumen aus verfolgt er das politische Geschehen über das Radio. Wie eine Staatskrise droht, wie ein Politiker nach dem anderen am Versuch der Bildung einer neuen Regierung scheitert. Wie dem aktuellen Präsidenten Cournot langsam aber sicher die Möglichkeiten ausgehen, diese Krise abzuwenden.

Gerade diese Situation ist es, die offenbart, wie nahe der alte Ministerpräsident noch am Zentrum der Macht lebt. Der Distanz von seinem Altersitz nach Paris mag groß sein, doch sein Wissen um die Vorgänge in den zurückliegenden Jahrzehnten, sein Wissen um einzelne Personen birgt noch genügend Sprengkraft, um den alten Mann zu fürchten.

Und jetzt scheint es, als würde sein ehemaliger Kabinettschef Chalamont der neue Ministerpräsident werden. Jener Sekretär, über dessen politische Ambitionen der alte Mann immer gemeint hatte, dass der niemals Regierungschef werden könnte; nicht solange er lebe.

Wohl mit gutem Grund, denn etwas war vor vielen Jahren geschehen und ein Dokument, das Chalamonts politische Ambition mit einem Schlag vernichten könnte, liegt wohl verwahrt in der Bibliothek des Landhauses. Ein Dokument das beweist, dass der damalige Kabinettschef die Verantwortung für eine jahre zurückliegende existenzielle Krise des Staates trägt.

Als, es war von ihm selbst gestreut worden, das Gerücht in der Presse auftauchte, er arbeite an einer Biografie mit Enthüllungen aus seiner Zeit als Politiker, da fand der alte Mann auch erstmals verdächtige Spuren in seiner Bibliothek. So als ob jemand auf der Suche nach seinen Aufzeichnungen wäre; jemand, der von Chalamont beauftragt wurde?

Simenon nahm sich (so eine Verlagsinformation) für diesen Roman Vorgänge rund um Charles de Gaulle und André Malraux, einen seiner Mitarbeiter, als Vorbild. Darüber weiß ich zwar nichts, doch das schadet der Spannung überhaupt nicht.

„Der Präsident“ ist ein Politthriller der zu jeder Zeit lesbar ist und um die Hintergründe zu verstehen, bedarf es keiner tiefgehenden Kenntnisse über die französische Innenpolitik oder einzelne Ereignisse. Aber dieser Roman verrät jedenfalls etwas über die dichte Verflechtung von Staat, Wirtschaft und Politikerkaste, die in der Grande Nation, alleine schon durch die Größe und Bedeutung des Landes, so ganz anders und folgenreicher funktioniert als hierzulande  (was sind dagegen schon österreichischer Proporz und Parteibuchwirtschaft :-).

Polithriller aus Frankreich haben für mich immer einen ganz besonderen Reiz, etwas vergleichbaren gibt es in der deutschsprachigen Literatur nicht. Und dieses Buch kann man getrost als einen der Meilensteine dieses Genres bezeichnen. 

Großartig geschrieben und zeitlos spannend auch mehr als 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung.


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