Wolfe, Thomas: Die Party bei den Jacks

verfasst am 30.08.2011 von | 1 Kommentar
Rubriken: Romane, Wolfe, Thomas

„Er mag von uns allen am meisten Talent gehabt haben, er hätte der größte amerikanische Schriftsteller gewesen sein können, wenn er bloß länger gelebt hätte…“, meinte kein Geringerer als William Faulkner 1952 über Thomas Wolfe. Und nach der Lektüre von „Die Party bei den Jacks“ mag man diesem schwärmerischen Rückblick auf den 1938, während der Arbeit an den Jacks, verstorbenen Schriftsteller beipflichten.

Der Roman spielt, abgesehen von den ersten beiden Kapiteln, an einem einzigen Tag, dem 2. Mai 1928, dem Tag der Party in der Wohnung von Mr. Frederik und Mrs. Esther Jack, an der eleganten Park Avenue gelegen, unmittelbar vor dem großen Börsencrash. Mr. Jack ist ein (noch) erfolgreicher Bankier und Börsenspekulant an der Wallstreet, in den besten Jahren wie man so schön sagt, mit deutschen Wurzeln, aus Koblenz stammend. Und Mrs. Jack eine von der Kritik gefeierte Bühnenbildnerin, die in der New Yorker Kulturszene ebenfalls rauschende Erfolge feiert.

Geladen ist die New Yorker High Society (heute würde man Schickeria sagen), die selbstverständlich ausnahmslos erscheint, denn die alljährliche Party bei den Jacks ist legendär, sozusagen the place you have to be. Das perfekt von Mrs. Jack gestaltete Ambiente der Wohnung mit ihren riesigen Ausmaßen, ein opulentes Buffet voller Köstlichkeiten, die illustre Gästeschar und vor allem der atemberaubende Blick über die Skyline dieser “furiosen Stadt“ sind die Zutaten dieses gesellschaftlichen Highlights.

Geldgierige Finanzhaie, affektierte Kulturschaffende, abenteuerlustige Starlets, blasierte Adabeis, jede Menge diebisches Servicepersonal und eine Haushälterin die trinkt tummeln sich auf dieser Bühne der anderen Art. Schön, wenn Geld (noch) keine Rolex spielt.

Die Attraktion des Abends soll ein Drahtpuppenspieler sein, der in diesem Jahr die New Yorker Salons erobert hat.

Doch es gibt immer wieder fein gezeichnete Andeutungen, dass dramatische Veränderungen unmittelbar bevorstehen, die diesen aus Geld gemachten, selbstgefälligen Kosmos heimsuchen werden. Wenn die Subway unter dem Apartmenthaus durchfährt geht ein leichtes Zittern durch das Gebäude und auch durch Mr. Jack. Er verliert nur kurz, aber doch, das Vertrauen in die „schillernde Blase der Spekulation“, der er Reichtum, 50 Angestellte und ein yachtähnliches Automobil verdankt.

Was verbindet diese Menschen, die sich an diesem Abend bei den Jacks treffen, außer gesellschaftliche Konventionen? Sind sie an Geschäften interessiert oder doch eher aneinander? Thomas Wolfe lässt diese Fragen lange unbeantwortet, ergeht sich in detailgenauen Schilderungen von körperlichen Merkmalen und kommunikativen Eigenheiten der Partygäste. Aber ganz besonders hat es ihm die Stadt New York angetan – wie so vielen! Die Architektur seiner Sprache folgt der einzigartigen, monströsen Gestaltung der Gebäude in der wohl weltweit berühmtesten Metropole.

Wie „zersplitternde Schäfte aus Stahl und Stein“ ragen die Wolkenkratzer Manhattans in den Himmel. Dem Einfallsreichtum des Autors scheinen bei der Beschreibung des „Big Apple“ keinerlei Grenzen gesetzt. Mit unfassbarer, ungehemmter Sprachgewalt sprudelt es aus den Seiten hervor. Es ist eine Heimsuchung. Das schriftstellerische Talent dieses Mannes macht sprachlos.

Mittelpunkt und Herz der Szenerie ist allerdings die Gastgeberin Mrs. Esther Jack, die von sich selbst am meisten begeistert ist und von Wolfe besonders einfühlsam und facettenreich gezeichnet wurde. Selten noch erschien eine liebenswürdigere Person zwischen zwei Buchdeckeln (ausgenommen natürlich im Märchengenre), andererseits ist sie aber auch mit einer Abgehobenheit ausgestattet, wo es sehr guter Augen bedarf, um wenigstens noch die Fußsohlen schemenhaft in höheren Sphären erkennen zu können.

Hier drängt sich unweigerlich der Vergleich zum Triumvirat Grasser – Meischberger – Hochegger auf. War nicht der Karl Heinz auch immer so lieb und nett? Hat er sich nicht auch immer so gewählt ausgedrückt? Ist er wirklich so abgehoben? Wer hat ihn dann schlussendlich gewählt? Wer trägt nun die Verantwortung?

Am Ende bricht ein Brand oberhalb der Jackschen Wohnung aus und die gesamte Festgesellschaft muss die Flucht antreten. So wie es wenig später am „Schwarzen Freitag“ an der Wallstreet passiert ist. Oder im Jahr 2008 bei den Lehmann-Brüdern und allen anderen angeschlossenen Banken. Oder wie gerade gegenwärtig in der westlichen Finanzhemisphäre.

Bei Thomas Wolfe kam die Feuerwehr und brachte alles rasch wieder unter Kontrolle.

Ob uns das auch gelingen wird? Ich wage es zu bezweifeln.

Das Nachwort klärt über die autobiografischen Hintergründe des Werkes auf. Die Party fand tatsächlich statt, allerdings im Jahr 1930 im Hause eines Wallstreetspekulanten, mit dessen Gattin Thomas Wolfe ein Verhältnis unterhielt. Somit kann das Kapitel „Der Geliebte“ als Selbstbeschreibung des Schriftstellers gelesen werden.  

Das Romanfragment „Die Party bei den Jacks“ erschien 1995 aus dem Nachlass von Thomas Wolfe und liegt nun auch in einer grandiosen Übersetzung von Susanne Höbel in deutscher Sprache vor. Man kann dem Manesse-Verlag nur gratulieren, dieses bedeutende Stück Weltliteratur gehoben zu haben. Und es hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt und dies ist das eigentlich Erschreckende daran!


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Kurt Darsow am 03.09.2011 um 07:43 Uhr Uhr

    Ist Literatur heute nur noch etwas für Liebhaber?Ihre Feinanalyse der Party bei den Jacks scheint mir diese kulturpessimistische Vermutung vollauf zu bestätigen. Während die Berufsleser von FAZ und SZ sich schlampig, übellaunig und desinteressiert zu dem Buch äußern, sind Sie mit ganzem Herzen bei der Sache. Vielen Dank dafür! Es wird Sie sicher freuen, dass Manesse nach der Party jetzt Wolfes Opus magnum Of Time and the River neu übersetzt.

Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top