Ernst, Gustav: Beste Beziehungen

verfasst am 27.04.2011 von | 1 Kommentar
Rubriken: Ernst, Gustav, Romane

Die Menschheit ist nicht gut. Soviel ist sicher. Und noch schlechter sind einzelne ihrer Mitglieder. Aber so richtig schlecht wird einem dann bei der Lektüre des vorliegenden Werkes. „Nur bei der Erwähnung des Namens seiner Tochter und der Schilderung ihres Todes, so der Polizeibeamte, sei der Tatverdächtige hemmungslos in Tränen ausgebrochen.“, lautet der letzte erschütternde Satz in einem in seiner Gesamtheit äußerst betroffen machenden Romans.

Gustav Ernst untersucht in „Beste Beziehungen“ mit lupenhafter Genauigkeit die Schattenseiten und Abgründe von Beziehungen zwischen Menschen, vornehmlich Mann und Frau, Schüler und Lehrer und selbstverständlich, wie könnte es anders sein in Zeiten wie diesen, auch in der Politik. Und die öffentlichen Amtsträger sollen ja auch Menschen sein – vernimmt man/frau hin und wieder.

Ernst betrachtet die Biographien durchschnittlicher Paare, ihre Lebens- und Ausdrucksformen – der Roman besteht fast zur Gänze aus Dialogen und den Gedanken der handelnden Personen.

Beispielsweise Lisa & Franz. Sie eine emanzipierte Frau und er ein Beamter im Wiener Rathaus, dessen wahres Streben darin besteht, französische Romane des 19. Jahrhunderts zu lesen. Lisa träumt von einem besseren Leben, einem eigenen Haus und von der Karriere ihres Mannes. Doch Franz ist ein Zauderer. Lisa setzt ihn unter Druck, zeigt ihm den Weg, den er langgehen soll. Bis Franz dem beruflichen und privaten Druck nicht mehr gewachsen ist und Amok läuft.

Oder Manuel F., der seine Ex-Freundin Janine K. zurückgewinnen will, die für ihn aber nur Hohn und Spott übrig hat und Manuel F. ebenfalls Amok läuft. „Erstechen wollt ich sie nicht, Herr Rat sagt Manuel F. zum Untersuchungsrichter. Ich hab sie ja geliebt. Ich wollt sie festhalten. Einfach nur festhalten. Damit sie dableibt und mir zuhört. Aber sie ist nicht dageblieben. Sie ist aufgesprungen und davongelaufen und hat mich sitzen lassen. Da war ich aber noch nicht fertig mit dem, was ich sagen wollte. Ich hab noch gar nicht angefangen mit dem, was ich sagen wollte.“

Oder Jack Preiser, der Politiker, der eine Affäre mit der Außenministerin hat und dessen Frau Claudia die Scheidung will. Aber so einfach geht das nicht. „Heuer hat sich der Chef scheiden lassen, also kann ich mich frühestens nächstes Jahr scheiden lassen. Wir sind eine christliche Partei.“

Oder Hanno, der einen gefühlskalten Patchwork-Versuch unternimmt und mit seiner Freundin Franziska, sowie seiner Nochehefrau Sabine und dem gemeinsamen Sohn unter einem Dach lebt. Ebenfalls beste Voraussetzungen für einen Amoklauf.

Im Mittelpunkt des Romans steht der Gymnasiallehrer Stöger, der große Probleme mit dem Sexappeal seiner Schülerinnen hat. „Warum müssen diese Mädchen immer ihre Schenkel auseinandergeben, denkt Stöger. Warum können sie sie nicht zusammenhalten. Sie sitzen vor mir, schreiben ihre Schularbeit und lassen ihre Schenkel auseinanderlaufen.“ Als Stöger seiner siebenjährigen Nichte Pia Nachhilfe gibt, kommt es auch hier zu einer Katastrophe.

Die Sprache des Romans ist direkt, streng formalistisch, ironiefrei und äußerst stimmig zu den erzählten Inhalten. Mancher Amoklauf kommt dem regelmäßigen Medienkonsumenten leider bekannt vor. Das Buch kreist um die Fragen Sexualität und Gewalt und die Bedingungen, unter denen das eine das andere zur Folge haben kann.

Vor allem die detailgenauen Schilderungen der sexuellen Übergriffe während der Nachhilfestunden sind hart an der Grenze des Erträglichen, möglicherweise auch darüber. Es drängt sich unweigerlich die Frage auf, ob man/frau sich nicht allein durch die Lektüre schon mitschuldig macht. Dies muss allerdings jeder für sich selbst beantworten.

„Grausamer als die Literatur ist nur die Wirklichkeit“ steht auf der Rückseite des Buches. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen!

PS: Einen Teil dieses Buches las ich während einer Zugfahrt. Im Bahnhof einer österreichischen Landeshauptstadt, die als das wahre Machtzentrum Österreichs gilt, setzte sich ein mittelalterlich aussehender Priester in mein bis dahin ausschließlich von mir besetztes Abteil und duzte mich bei der Begrüßung, was mich ehrlich gestanden ein wenig verdutzte.

Bin ich es von Bergwanderungen oder Wahlkampfveranstaltungen der FPÖ durchaus gewohnt, ohne vorhergehende gegenseitige Willensbekundung sofort zum vertraulichen Du zu wechseln, bin ich es im Rest des Landes, der leider immer kleiner wird, nicht. Meine Antwort war schlicht und einfach „Grüß Gott“ mit stärkerer Betonung auf Gott. Aber noch mehr erzürnte mich, das sich dieser Mann Gottes, ohne vorher zu fragen ob es denn genehm wäre, einfach in „mein“ Abteil setzte.

Gustav Ernst ist vollkommen Recht zu geben: es herrscht Brutalität und Rohheit in den menschlichen Beziehungen und sie manifestiert sich bereits in den kleinen Details.

Gott sei Dank mussten wir nur eine Station gemeinsam fahren und ich verabschiedete mich den neutralen Worten „auf Wiedersehen“ und er tat es mir gleich. Den Appendix „mein Sohn“ hat er sich verkniffen und dafür bin ich ihm dankbar, enthob es mich doch der Verpflichtung ihn darauf hinzuweisen, dass es sich dabei wohl eindeutig um einen Irrtum handeln muss.

PPS: Es könnte allerdings sein, dass mich der im PS erwähnte Priester auf den ersten Blick für einen Kollegen hielt, da ich an einem strahlend schönen Frühlingstag ebenfalls ganz in Schwarz gekleidet im Abteil saß und aufgrund der Lektüre des Buches nachdenklich und bestürzt aus mir herausblickte.



RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  herbert herzmann am 25.11.2011 um 17:25 Uhr Uhr

    Beste Beziehungen ist ein wahrhaft aufrüttelndes Buch. Aber Gustav Ernst schreibt auch sehr gute Theaterstücke. Schade, dass sie so selten zu sehen sind.

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