Arjouni, Jakob: Cherryman jagt Mister White

verfasst am 16.03.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Arjouni, Jakob, Romane

Rick Fischer schreibt an Doktor Layton. Rick, der sich vor Gericht für eine schreckliche Tat verantworten muss und Doktor Layton, der Gerichtspsychologe, der die Hintergründe für diese Tat erforschen soll.

Rick – so wie Humphrey Bogart im Film Casablanca – soll/will/muss, sich seine Geschichte von der Seele schreiben. Eine Geschichte, die sich in seinen Briefen langsam entwickelt.

Es ist die Geschichte von Rick, der früh seine Eltern verlor und dann bei einer alten Freundin seiner Eltern aufwuchs. Diese  „Tante“ Bambusch wird seine Familie, der kleine Ort Storlitz vor den Toren Berlins ist seine Heimat.  Ein  kleiner Ort, in dem Rick der Bande um die deutschtümelnden Schläger Mario und Vladimir nicht aus dem Weg gehen kann und sich all die Jahre immer wieder demütigen lassen muss.

Für Rick sind Comic-Hefte eine Flucht aus dieser mehr als tristen und perspektivenlosen Realität. Zuerst lernt er mit ihrer Hilfe erst so richtig Lesen, Schreiben und Zeichnen und dann beginnt er sie selbst zu erfinden. Die Superhelden, die in seiner, Ricks, Welt Ordnung schaffen, etwas, das er selbst nicht vermag.

Den Anschluß an eine bessere Zukunft verpasst Rick endgültig, als er mit Hilfe der Bande eine Lehrstelle in Berlin bekommt. Denn will er diese Stelle bekommen, dann ist das mit einer Gegenleistung verknüpft.  Rick wird zum Handlanger einer Neonazi-Gruppierung namens „Heimatschutz“.  Zuerst soll er nur Informationen über einen jüdischen Kindergarten sammeln, so lautet die ursprüngliche Abmachung. Doch dann wird mehr von ihm verlangt und Rick muss feststellen, dass er schon nach kurzer Zeit in deren Netz gefangen ist.

Er findet keinen Weg, sich daraus zu befreien, keinen, ohne andere zu gefährden. Wie Tante Bambusch oder Marilyn, die er gleich bei einer seiner ersten Fahrten zur Arbeit nach Berlin im Zug kennen lernte. Würde sich Rick vom Heimatschutz los sagen, dann würde  man sich an allen rächen, die mit Rick zu tun haben. Also muss er bleiben und erledigen, was von ihm verlangt wird – da macht es keinen Unterschied, ob freiwillig oder gezwungen  – er ist dabei, ist einer von denen, einer, der er nie sein wollte.

In seinen Comics wehrt er sich, findet gerechte Strafen für die Bösen. Der Held  Cherryman auf der Jagd nach Mr. White, dem Mann, der Rick mit Hilfe von offenen und versteckten Drohungen in der Welt aus Fremdenhass und Judenfeindlichkeit gefangen hält und ihn zum Handlanger der Neonazis macht.

Es ist keine Buch, wie es ich von Jakob Arjouni bisher kannte: kein Mike-Hammer-Typ mit lockeren Sprüchen ist der Hauptdarsteller sondern einer aus der großen Masse der Verlierer. So schnell kann es gehen und schon ist man in schlechter Gesellschaft und kann sich nicht mehr daraus lösen –  wird einer von denen, die mit Lederjacken, kahlrasiert und gröhlend (mit) marschieren.

Rick findet einen eigenen Weg. Die schönen Sprüche der Heimatschutz-Typen können seinen Geist nicht  gänzlich umnebeln. Im Gegenteil, er wird immer widerspenstiger und sinnt auf einen Ausweg. Am Ende macht er  einfach nicht mehr mit. Ob seine Lösung dann wirklich die richtige ist? Nachzulesen in einem furiosen Finale.



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