Auster, Paul: Unsichtbar

verfasst am 12.10.2010 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Auster, Paul, Romane

Das zufällig Zusammentreffen mit Professer Rudolf Born bei einem Studentenabend wird für Adam Walker zu einem lebensbestimmenden Moment. Vom ersten Treffen bleiben widersprüchliche Gefühle: einerseits Abneigung, andererseits Interesse am undurchsichtigen Wesen dieses Mannes.

Ein paar Tage später, wieder führt sie der Zufall zusammen, wird aus ihrer Bekanntschaft ein Pakt. Wahrlich einer, der für Adam dem Pakt mit dem Teufel ähnelt, doch an solch weitreichende Folgen denkt er zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht.

Born, reicher Franzose mit Wurzeln in der Schweiz, und Walker, armer Student im New York des Jahres 1967. Zwischen diesen beiden Margot, die schweigsame, die Adam wie magisch anzieht. Des einen Freundin, des anderen Begehren. Als Born dem jungen Studenten ein Projekt vorschlägt, ist der zu Beginn skeptisch, ablehnend, doch dann erfassen ihn Interesse und Leidenschaft.

Das Projekt ist eine Literaturzeitschrift, die Adam aufbauen soll, finanziert mit dem Geld von Born. Ein verlockendes Offert, das Adam erhält, denn von seinem Ziel Schriftsteller zu werden ist er noch weit entfernt, abgesehen von ein paar kleinen Veröffentlichungen wollte noch niemand etwas von abdrucken.

Nun soll er zum Verleger einer ambitionierten Literaturzeitschrift werden – kein schlechter Karrieresprung für einen 20-jährigen Studenten an der Columbia University – mit einem durchaus angemessenen Einkommen.

Kaum hat sich Adam darauf eingelassen, sich dieser Aufgabe zu stellen, da zeigt sein bislang undurchsichtige Gönner weitere Seiten seines Ichs. Das Gesicht des Jähzorns, der so dicht unter der Oberfläche seines Wesens köchelt, dass er jederzeit ausbrechen kann. Das Gesicht des Sprunghaften, dessen Laune von einer Minuten auf die andere gänzlich umschlagen kann. Das Gesicht des Anmaßenden, der alles rings um sich alles kontrollieren, beherrschen will.

Adam ist überrascht, abgestossen, aber nicht wirklich besorgt, denn Born hatte immerhin gemeint, er würde nur gelegentlich nach New York kommen, ansonsten aber meistens in Frankreich bleiben und dort seiner Arbeit als Politologe nach gehen. Die intimen Nächte mit Margot, als Born kurz darauf nach Frankreich reisen muss, sind der Auftakt zu einer Chronologie der Versuchungen, der Angst und der Versäumnisse.

Im zweiten Abschnitt des Buches ändert sich die Pespektive. Ein Studienkollege erhält nach vier Jahrzehnten ohne jeglichen Kontakt zueinander (wir befinden uns jetzt im Jahre 2007) einen Brief von Adam – diesmal ist Adam nicht der Erzähler sondern er ist nun der, über den erzählt wird.

Einen Teil dieses Abschnittes bilden die Auszüge aus dem Buch, das Adam schreibt, ein niedergeschriebenes Selbstgespräch, über sein Leben vor 40 Jahren, als es eine nie erdachte Wendung nahm. Auster findet dabei einen Stil, den ich zu Beginn als äußerst mühsam empfand. Bei der Geschichte aus der „Du“-Perspektive, in der in wirklich  jedem Satz „Du“, „Dich“ oder „Dein“ steht, war ich ein paar Seiten lang knapp davor, das Buch weg zu legen. Doch dann wird es knisternd, spannend, erotisch und dabei stellt sich heraus: dieser Stil ist dafür genau der richtige.

Immer weiter nähern wir uns der Gegenwart. Einer Gegenwart, die alles, was man bisher gelesen hat, in Frage stellt.

Paul Auster ist ein Erzähler, ein begnadeter dazu. Er erzählt die Geschichte so, als ob sie wirklich statt gefunden hätte, als ob er selbst dieser Adam Walker, oder ein anderer Erzähler, eine andere Erzählerin im Buch wäre, die bzw. der nun, viele Jahrzehnte später, einem Freund seine/ihre  Lebensgeschichte erzählt. Man erinnert sich nach dieser langen Zeit nicht mehr an alle Details, einige blieben aber, wie es eben so passiert, fest im Gedächtnis haften.

Dabei spielt es gar keine Rolle, dass niemand spricht (denn nein, das Hörbuch habe ich nicht konsumiert), sondern dass man es selbst liest,  die jeweils erzählende Person im Buch hat trotzdem eine  Stimme. Er spricht in diesen überschaubaren, einprägsamen Sätzen, in denen man selbst sprechen könnte (fände man die klare Sprache von Paul Auster) und bei denen die ganze persönliche Erinnerung mitschwingt.

Es ist eines der besten Bücher, eine der besten Erzählungen, denen ich bisher beim Lesen zugehört habe.


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