Miedler, Nora: Die Musenfalle

verfasst am 11.10.2010 von | 1 Kommentar
Rubriken: Kriminalromane, Miedler, Nora

Nora Miedlers Erstling, Warten auf Poirot, habe ich vor kurzem besprochen, und ja, der Krimi machte Lust auf Mehr. Dieses Bedürfnis (nach Mehr)konnte jetzt bald darauf gestillt werden, da die Autorin im Herbst 2010 ihren zweiten Krimi veröffentlichte. Und (wie in vielen Dingen) hebt sich die Autorin angenehm von der breiten Masse ab: keine Fortsetzung.

Miedler entführt uns in der Musenfalle auf gänzlich neues Terrain. In die Welt der Schauspielerei. Lilly Sommer, die eigentlich Matilda heißt – auch dazu gibt es eine Geschichte –, fristet ihr Leben als Schauspielerin mit mehr als bescheidenem Erfolg. Aktuell erschreckt sie im Vampirkostüm Kinder in der Geisterbahn. Ihre Chance kommt, als ein Zweijahresvertrag als Model für eine Mobilfunkfirma winkt.

Das Casting ist geschafft, bei der Anprobe des Kostüm, wo auch der Chef des Konzerns, Alexander Strehl, anwesend ist, findet der Oberboss offenbar an ihr Gefallen und überredet sie wenig später am Telefon, nachdem sie in Feierlaune bereits zum Missfallen Ihrer WG-Genossin, einige Joints geraucht hat, zu einem Treffen. Lilly lässt sich darauf ein, und es kommt zum Sex, wobei sie es eher geschehen lässt (köstlich ihre Gedankenwelt während des Akts). Sie verlässt danach fluchtartig Strehls Haus und lässt sogar Socken und Tasche zurück.

Blöd nur, dass besagter Strehl in derselben Nacht ermordet wird und die Polizei Lillys Tasche samt Ausweisen nebst sonstigen Spuren am Tatort findet. Am Tag zuvor wurde Strehls bester Freund, ein angesehener Richter ermordet. Die Polizei besucht Lilly noch mitten in derselben Nacht und es dauert eine Zeit, bis sie erkennt, dass sie verdächtigt wird. Ihre Mitbewohner in der WG beäugen sie fortan distanziert. Der Job geht flöten und sie erkennt, dass sie selbst auf Mörderjagd gehen muss, um ihre Unschuld zu beweisen. Unterstützung findet sie bei Dino, einem verkrachten Ex-Star (er war mal für den Oscar nominiert, ist aber daran gescheitert), der lieber in die Flasche schaut, als sich um seine Aufträge der Detektei „WHY“ (we help you) zu kümmern.

Die Spur führt zur Schauspiel-Kommune der Frieda Bernhard, der Schwester des ermordeten Richters, die graue Eminenz des Theaters. Gut, dass Dino dort war. Auch gut, dass der Sohn des Ermordeten Strehl bei der Polizei ist und Lilly nachdem sie ihn überzeugen konnte, nicht die Mörderin zu sein, helfen mag. Die Handlung dreht sich mehrmals und Lilly steht mehr als einmal als die Dumme da(„Lilly, Königin der Nudelsuppenschwimmer“). Glaubt man der Lösung nahe zu sein, kommt die nächste Wendung.

Das Tempo stimmt und Miedler hat wieder einmal tolle Arbeit geleistet. Alle Ihre Charaktere wirken lebensecht und eigentlich fast jeder auf seine Art liebenswert (ich tendiere zum Alkoholiker, ist mein Favorit). Jedenfalls wird das Handeln der Beteiligten verständlich, wenn man die Zusammenhänge erkennt. Die Autorin beweist, dass ihre Handlung nicht nur unter Laborbedingungen funktioniert, sondern auch im echten Leben.

Sie erhebt nie den Zeigefinger, um belehrend zu sein, dafür erfahren wir etwas über die Schauspielerei, dem ursprünglichen Metier Miedlers: „Ich starrte in ihre kugelrunden blauen Augen, saugte mich an ihnen fest und versuchte alles, um die Erinnerung an eine ältere, leidenschaftliche Frau abzuschütteln, die ich jahrelang verehrt hatte, so lange, bis meine Träume von der kalten Wirklichkeit erdrückt wurden, die aus Rechnungen, Hunger und Nebenjobs bestand.“

Der Erzählstil ist präzise und sicher und entwickelt einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann, und das oft mit einem Augenzwinkern: „ Ich merkte, dass mir der Mund offen stand, und schloss ihn, indem ich in mein Baguette biss.“ Aber auch Hommagen an Erzählungen im Trash-Style in Sätzen wie „Meine Lider fühlten sich schwer an, als hätte jemand seine nassen Socken darauf geparkt“, finden sich in dem Roman, der letztlich wieder klassischen Regeln folgt.

Der Mörder kommt bereits von Anfang an vor und wird nicht erst gegen Ende aus dem Hut gezaubert. Die Handlung spielt zwar in Wien, den Krimi würde ich aber nicht als Regiokrimi bezeichnen, die Handlung funktioniert überall, dafür werden keine Sätze für die Beschreibung von Grashalmen oder Hundeklos verschwendet, sondern nur auf Spannung ausgerichtet.

Nora Miedlers Krimis sind erfrischend, erfrischend anders, anders gut.



RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  frederik am 09.11.2010 um 22:18 Uhr Uhr

    gute buchkritik….werde mir das buch mal genauer anssehen :)

    danke für den tipp

    liebe grüße
    frederik

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