Miedler, Nora: Warten auf Poirot

verfasst am 05.07.2010 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Miedler, Nora

Die Stadt Wien hat für den Bereich der auf Wien Bezug nehmenden Kriminalliteratur den Leo Perutz Preis ausgelobt. Neben bekannten Genregrößen wie Paulus Hochgatterer, Edith Kneifl und Stefan Slupetzky finden sich in der Liste der Nominierten auch Debütanten wie Gerhard Loibelsberger oder eben Nora Miedler. Grund genug, die ohnedies längst fällige Auseinandersetzung mit Miedlers Erstling (dem bald ein zweiter Roman nachfolgen soll) anzugehen.

Ich verzichte darauf den bestens einführenden Klappen- bzw. Innentext wiederzugeben. Nur soviel: wie der Titel erkennen lässt, spielt die Autorin mit einer klassischen Aufstellung im Stile der großartigen Agatha Christie. Fünf Freundinnen, die sich in Schultagen ewige Verbundenheit geschworen haben, kommen zu Silvester auf einer abgeschiedenen Berghütte zusammen. Aufgrund der schlechten Witterung ist die Kommunikation mit der Außenwelt abgeschnitten. Soweit zu den Rahmenbedingungen der Handlung.

Die Autorin beginnt aber mit der Einführung der „Heldin“ Charlie und kommt gleich mit dem ersten Satz zur Sache: „Die Idee, Rita zu töten, kam mir das erste Mal an Heiligabend.“ Dies deshalb, weil sie ihre Freundin, die auch auf die Hütte kommen wird, für die Trennung von ihrem Freund Marc, der zugleich Ritas Bruder ist, verantwortlich macht. Zudem erfahren wir, dass Charlie nervlich am Ende war und eigentlich immer noch ist, und auch ihre eigene Familie ist nicht unbedingt geeignet, einen Menschen in der Krise aufzufangen. Sie jobbt ambitionslos in einer Videothek, während ihre Freundinnen entweder für Familie oder Karriere (wie auch immer) gesorgt haben, gibt also in der Zusammenstellung den klassischen „Underdog“.

Schon bei der Anreise ergeben sich aus den Anspielungen ihrer Begleiterinnen – sie fährt mit Rita und Ingrid, der Karriereanwältin, in Ritas noblem Lexus- einige Rätsel, die zu verraten, die Spannung bei der Lektüre nehmen würde. Aber es ist klar, dass die heile Welt der anderen zum Teil nur vorgegaukelt ist und jede der Freundinnen ihre dunklen Seiten und Geheimnisse hat. Marnie und Sonja sind bereits angereist und haben die Hütte für die lustige Runde vorbereitet. Und bereits am ersten Abend geschieht der Mord an Rita. Und dann setzt ein spannendes Finale ein, das beinahe die Hälfte des Buches einnimmt. Gegenseitige Unterstellungen und wechselnde Allianzen.

Miedlers Erzählstil ist präzis und kommt meist ohne die neuerdings inflationär anzutreffenden Belehrungen aus. Ihre Gabe ist die Beobachtung der Menschen und der entlarvende Blick in deren Seele. Die Charaktere sind diffus, so wie eben im wirklichen Leben auch. Es gibt nicht nur schwarz oder weiß sondern sehr viele Schattierungen von grau, und die zeigt sie uns perfekt. Niemand ist nur gut oder nur böse. Man merkt der Autorin auch ihr eigentliches Fach, die Schauspielerei, an den punktgenauen Dialogen an. Gelungen, wirklich gelungen, mehr kann ich dazu nicht sagen.

Warum daher nur vier Sterne? Das mag meine persönliche Meinung sein, mit der ich auch alleine dastehen kann. Aber nach so viel Geradlinigkeit (ein Erzählstrang wie eine Autobahn), hätte ich mir eine Abzweigung bei der Lösung erhofft. Die war mir trotz aller Affinität zum Klassischen dann doch ein wenig zu klassisch.



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