Buchbesprechung/Rezension:

Christian v. Ditfurth: Sturz in die Hölle
Der fünfte Fall für Karl Raben

Sturz in die Hölle
verfasst am 05.10.2026 | einen Kommentar hinterlassen

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Kriminalroman ist eine viel zu eng gefasste Bezeichnung für diesen Roman, der das Leben in Nazideutschland und das Inferno der NS-Herrschaft und des Weltkrieges eindringlich beschreibt.

Ditfurth fasst mit *Sturz in die Hölle* die Kriegszeit in zwei großen Erzählsträngen zusammen. Es gelingt ihm dabei – stellenweise beinahe zu eindrücklich –, das in Worte zu fassen, wofür uns heute das Verständnis fehlt, weil es außerhalb unserer eigenen Lebenserfahrungen liegt.

Zunächst beginnt alles ganz krimimäßig mit einem Mord: Während eines Luftangriffs wird ein Mann auf einer der verdunkelten Straßen Berlins von einem Lastwagen überfahren. Ein Unfall könnte es sein, doch die Spurensicherung stellt rasch fest, dass der Mann absichtlich mehrfach überrollt wurde.

Der Tote ist Josef Engel, ein für die deutsche Kriegswirtschaft wichtiger Industrieller, dessen Unternehmen Teile für die Luftwaffe herstellt. Karl Raben und Georg Lichtigkeit übernehmen den Fall und stoßen bald auf Hinweise, die weit über einen gewöhnlichen Mord hinausführen. Konstruktionspläne, mögliche Spionage und Verbindungen zum deutschen Widerstand und zur Roten Kapelle lassen vermuten, dass Engel in Dinge verwickelt war, die für das NS-Regime höchst gefährlich werden konnten.

Auch wenn Raben selbst mit Gegnern des Regimes sympathisiert und jede Gelegenheit nützt, der brutalen Diktatur Hitlers zu schaden, muss er in diesem Fall ermitteln. Kollege Lichtigkeit ist wie immer an seiner Seite, auch wenn sein Engagement bei Aktionen gegen die Nazis geringer ist als das von Raben. Lichtigkeit ist vor allem der Warner, der seinen Freund und Kollegen immer wieder zur Vorsicht mahnt, ihn von dessen beinahe selbstmörderischen Handlungen aber kaum abhalten kann.

Während der Mord an Engel nur schwer, wenn überhaupt, aufzuklären ist, eskaliert Hitler den Krieg. Am 22. Juni 1941 beginnt mit der „Operation Barbarossa“ der Überfall auf die Sowjetunion. Damit erreicht nicht nur der Krieg, sondern auch der nationalsozialistische Vernichtungsterror eine neue Dimension.

Unter den Millionen deutschen Soldaten befindet sich auch Wilhelm Vetter, der letzte noch lebende Mörder des kommunistischen Redakteurs Kurt Esser. Der Letzte von denen also, die Karl Raben geschworen hat, zur Strecke zu bringen.

Vetter geht nach Russland und beteiligt sich hinter der Front an der Jagd auf Partisanen. Bald wird daraus weit mehr. Ditfurth beschreibt die Gewalt in den besetzten Gebieten mit einer Direktheit, die manchmal kaum auszuhalten ist: Mord, Vergewaltigung, Folter und schließlich der systematisch organisierte Massenmord an der Zivilbevölkerung. Die Einsatzgruppen und andere Einheiten hinter der Front werden Teil jener Mordmaschinerie, die Millionen Menschen das Leben kostet.

Christian v. Ditfurth schreibt darüber oft so bildhaft, dass man beim Lesen schier geschockt ist. Nicht weil man nicht wüsste, dass diese Verbrechen geschehen sind, sondern weil die nüchternen Zahlen der Geschichtsbücher hier plötzlich Gesichter, Orte und Situationen bekommen. Der Roman zwingt dazu, sich zumindest für einige Seiten vorzustellen, was in dieser rechts- und moralfreien Welt möglich war – und tatsächlich geschah.

Vetter bleibt dabei nicht irgendein kleiner Mitläufer. Er tut sich als gewissenloser Exekutor wehrloser Menschen hervor, wird immer wieder befördert und sammelt Orden. Während Karl Raben versucht, ihn von Berlin aus verhaften zu lassen, wird sein Gegner zunehmend unangreifbar.

Gleichzeitig setzt Raben alles daran, seine eigene Familie dem Zugriff des Regimes zu entziehen. Seine Frau Lena ist Jüdin, und damit hängt über der Familie ständig eine tödliche Bedrohung. Es geht also längst nicht mehr nur um Rabens riskante Aktionen gegen die Nazis, sondern ums nackte Überleben. Mit dem Tod Reinhard Heydrichs nach dem Attentat in Prag verliert Raben zudem einen seiner Schutzherren, der ihn bis dahin immer wieder vor dem Zugriff der Gestapo bewahrt hatte. Gestapochef Heinrich Müller wartet nur darauf, ihn endgültig zu Fall zu bringen.

Ditfurth verbindet erfundene Figuren immer wieder mit realen Personen und Ereignissen. Widerstandskämpfer der Roten Kapelle, Funktionäre des NS-Staates und Ereignisse des Kriegsverlaufs tauchen neben Raben und seinen Mitstreitern auf – damit verschwimmt beim Lesen die Grenze zwischen Roman und historischer Chronik.

Der zeitliche Bogen reicht von der Zeit kurz vor dem Beginn der „Operation Barbarossa“, mit der Hitler die Sowjetunion besiegen wollte und stattdessen ein Inferno mit millionenfachem Mord entfesselte, bis zum Ende Nazideutschlands und zur Zerstörung des Landes und seiner Städte.

Damit endet die Geschichte aber noch nicht ganz. Ditfurth blickt auch in die Nachkriegszeit. Und hier wartet eine weitere bittere Wahrheit: 1945 waren zwar das Regime und der Krieg zu Ende, aber keineswegs alle Täter verschwunden. Manche konnten ihre Karrieren fortsetzen, manche wurden gebraucht, manche geschützt. Ausgerechnet Menschen wie Raben mussten sich dagegen dafür rechtfertigen, innerhalb des NS-Apparates tätig gewesen zu sein.

Wenn sich Karl Raben mit all seinen heimlichen Aktivitäten gegen das Regime so lange immer wieder aus den aussichtslosesten Situationen retten kann, dann wird das kaum dem tatsächlichen Schicksal der überwiegenden Mehrheit der Widerstandskämpfer entsprechen. Aber Ditfurth erzählt mit den Ereignissen rund um Karl Raben auch davon, dass Widerstand möglich war. Nicht immer spektakulär, nicht immer in großen Organisationen, sondern manchmal als stille Opposition, als Hilfe für Verfolgte oder einfach als Entscheidung, bei bestimmten Dingen nicht mitzumachen.

„Sturz in die Hölle“ ist ein dramatischer, überwältigender – und abschnittsweise erschreckender – Roman und ein überaus würdiges Finale der Karl-Raben-Reihe. Mehr historischer Roman als Kriminalroman, obwohl die kriminalistische Handlung das Gerüst bildet.

Christian v. Ditfurth fasst auf knapp 500 Seiten die Ungeheuerlichkeit der Naziherrschaft, die jede Vorstellung übersteigende Brutalität des Krieges und den Holocaust in einer Erzählung zusammen, deren Sog man sich nur schwer entziehen kann. Und er erinnert daran, dass der 8. Mai 1945 zwar das Ende der Diktatur bedeutete, aber nicht automatisch das Ende ihrer personellen und moralischen Hinterlassenschaften.

PS: Wie immer sind Romane über diese dunkle Zeit zugleich Warnungen vor einer Wiederholung. Diktaturen entstehen nicht aus dem Nichts. Und mit jeder Stärkung von Nationalisten und Rechtsextremisten sollte auch die Erinnerung daran stärker werden, wohin Entmenschlichung, Ausgrenzung und die Abschaffung demokratischer Grenzen führen können.

PPS: Und wer weiß, ob Karl Raben zum Kriegsende nicht nebenbei auch eines der bis heute ungelösten Rätsel um das Schicksal eines führenden NS-Verbrechers gelöst hat?




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