Alex Beer: Das dritte Grab
Ein Fall für August Emmerich - Band 7
Autorin/Autor:
Genre:
Buchbesprechung verfasst von: Andreas
Online bestellen:
Fünf Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ist Wien noch immer nicht im Frieden angekommen. Die Monarchie ist Geschichte, die Niederlage wirkt nach, die Kronländer sind verloren, die Spanische Grippe hat ihre Spuren hinterlassen, und zuletzt hat die Hyperinflation vielen Menschen auch noch das genommen, was ihnen vom alten Leben geblieben war.
In dieser Stadt spielt Alex Beers neuer Fall für August Emmerich und Ferdinand Winter. Wien 1923 ist bei ihr kein hübsch dekorierter historischer Hintergrund, sondern ein Ort, der noch immer wankt. Zwischen Armut, Schwarzmarkt, politischer Unsicherheit und einem ersten vorsichtigen Hoffnungsschimmer versuchen die Menschen irgendwie weiterzumachen. Manche ehrlich, manche weniger ehrlich, manche längst jenseits jeder Grenze.
Der Fall beginnt mit dem Verschwinden von Veit Kolja. Er ist Politiker, aber eben nicht nur das. Früher war Kolja eine Größe der Unterwelt, ein Mann mit Einfluss, Verbindungen und einer Vergangenheit, die nicht einfach verschwindet, nur weil jemand nun in anderen Kreisen verkehrt. Für August Emmerich ist die Sache noch komplizierter, denn Kolja ist nicht irgendein Vermisster. Die beiden verbindet eine persönliche Geschichte, und so wird aus einem Ermittlungsfall sehr schnell eine Suche, bei der für Emmerich weit mehr auf dem Spiel steht als nur die berufliche Pflicht.
Kurz darauf werden zwei ehemalige Schleichhändler ermordet aufgefunden. Damit führen die Spuren in jene Welt, die während des Krieges und in der Notzeit danach gewachsen ist: hinein in das Milieu der Schmuggler, Schieber, Schwarzhändler und Gangsterbanden. Diese Gruppen waren nicht nur kriminell, sie hatten in der zusammenbrechenden Ordnung teilweise auch Funktionen übernommen, die der Staat nicht mehr erfüllen konnte. So unangenehm der Gedanke ist: Ohne Schwarzmarkt wäre die Lage für viele Menschen vermutlich noch dramatischer gewesen.
Alex Beer erzählt nicht einfach nur von Gut und Böse, von Polizei und Verbrechern, von Gesetz und Gesetzlosigkeit. Sie erzählt vom Leben in einer Stadt, in der diese Grenzen, die wir heute kennen, längst unscharf geworden sind. Wer überleben will, muss manchmal handeln, bevor er fragen kann, ob es erlaubt ist.
August Emmerich und sein Assistent Winter geraten dabei selbst in Gefahr. Nicht nur, weil sie einem Mörder näherkommen, sondern weil die Exekutive noch lange nicht in der Lage ist, dem Gesetz überall Wirkung zu verschaffen. Alex Beer vermittelt sehr gut, dass die junge Republik noch nicht gefestigt ist. Sie hat zwar Institutionen, aber noch nicht überall Autorität.
Rund um einige reale historische Ereignisse entwickelt Alex Beer eine Geschichte, die diese Atmosphäre zwischen Depression und Hoffnungsschimmer sehr glaubhaft beschreibt. Man liest also nicht nur einen Kriminalfall, sondern bekommt zugleich eine Ahnung davon, wie es gewesen sein könnte, in dieser Stadt zu leben: mit wertlos gewordenen Ersparnissen, mit Erinnerungen an Krieg und Hunger, mit Misstrauen gegenüber der Zukunft und mit dem Wunsch, endlich wieder an etwas glauben zu können.
Besonders gelungen ist – wie auch in den schon erschienenen Krimis mit August Emmerich – erneut die Atmosphäre. Alex Beer bringt die frühen 1920er-Jahre mit diesem Buch ein kleines Stück näher zu denen, die es lesen. Manchmal meint man fast, schon erste kleine Anleihen an den *Dritten Mann* zu spüren, auch wenn dessen Wien natürlich erst nach dem nächsten großen Krieg kommen wird. Aber diese Mischung aus Ruinenstimmung, Halbwelt, moralischer Unsicherheit und schwarzem Markt schwingt hier leicht mit.
August Emmerich ist kein glatter Ermittler, keiner, der sauber außerhalb der Welt steht, die er untersucht. Im Gegenteil: Er ist ihr manchmal näher, als es für einen Polizisten opportun ist. Gerade deshalb passt er so gut in diese Zeit. Emmerich ist hartnäckig, unbequem und nicht immer zimperlich, aber in einer Stadt wie dieser käme man mit bloßen Vorschriften vermutlich ohnehin nicht weit.
Zusammengefasst
Ein atmosphärisch dichter, historisch gut eingebetteter Krimi. Alex Beer erzählt von einem Mordfall, aber, so kann man es auch sehen, viel mehr von einer Stadt, die noch immer mit den Folgen einer untergegangenen Welt ringt. Die Handlung ist spannend, die Zeit genau getroffen, und der Blick auf Wien 1923 wirkt nicht wie auf eine konstruierte Kulisse, sondern auf etwas, das so existierte. Man liest, rätselt und folgt Emmerich in Wiens dunkle Winkel – und bekommt nebenbei eine Ahnung davon, wie schwer es gewesen sein muss, nach 1918 einfach weiterzuleben.