Buchbesprechung/Rezension:

Christina Morina: Das amerikanische Beben
Erfahrungen und Konsequenzen für die deutsche Demokratie

Das amerikanische Beben
verfasst am 14.06.2026 | einen Kommentar hinterlassen

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Christina Morina beschreibt und analysiert in „Das amerikanische Beben“ die politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen, die mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten verbunden waren.

Dabei richtet sie ihren Blick weniger auf die Person Trump selbst als auf die Reaktionen der amerikanischen Gesellschaft und auf die möglichen Folgen für demokratische Systeme – neben denen für die USA insbesondere auch für Deutschland.

Im Zentrum steht die Frage, wie es zu einer politischen Entwicklung kommen konnte, die zu einem massiven Konflikt mit demokratischen Traditionen und liberalen Werten führte. Morina beschreibt die tiefen gesellschaftlichen Spaltungen in den USA, das schwindende Vertrauen in politische Institutionen, die Folgen wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit sowie die zunehmende Polarisierung der öffentlichen Debatte. Diese Entwicklungen bilden nach ihrer Analyse den Nährboden für den Erfolg Trumps.

Besondere genau betrachtet und beschreibt die Autorin die Reaktionen jener Menschen, die sich liberalen, demokratischen und pluralistischen Werten verpflichtet fühlen. Sie schildert die Verunsicherung, den Schock und die Sorge vieler Bürgerinnen und Bürger angesichts der politischen Veränderungen, aber auch die vielfältigen Formen des gesellschaftlichen und politischen Engagements, die als Antwort darauf entstanden. Protestbewegungen, neue politische Initiativen und eine verstärkte Auseinandersetzung mit demokratischen Grundwerten werden als Ausdruck einer aktiven demokratischen Zivilgesellschaft dargestellt.

Ein weiterer wichtiger Gedanke des Buches betrifft die unterschiedliche politische Einheit der gesellschaftlichen Lager. Morina zeigt, dass rechtspopulistische Bewegungen von einer bemerkenswerten Geschlossenheit ihrer Anhängerschaft profitieren. Selbst offensichtliche Widersprüche, demokratiepolitisch problematische Äußerungen, offensichtliche Lügen, Beleidigungen oder Korruptionsvorwürfe führen meist nicht zu einem nennenswerten Verlust an Unterstützung.

Demgegenüber erscheint das liberal, progressiv oder eher links orientierte politische Spektrum vielfach zersplittert. Unterschiedliche Prioritäten und innerparteiliche Konflikte erschweren regelmäßig die Entwicklung einer gemeinsamen Strategie gegen rechtspopulistische Herausforderungen. Das Buch verdeutlicht damit ein strukturelles Problem demokratischer Kräfte: Während sie von Meinungsvielfalt und kritischer Selbstreflexion geprägt sind, kann gerade diese Vielfalt ihre politische Handlungsfähigkeit beeinträchtigen.

Dazu ein im Buch angeführtes Beispiel: Es gibt Analysen, dass beinahe ein Drittel der potenziellen Wählerschaft von Kamala Harris ihr die Stimme verweigerte wegen ihrer Unterstützung für Israel unter Joe Biden. Dass die mit einem Präsidenten Trump noch massiver werden würde, kümmerte diese Gruppe nicht – womit eine große Anzahl an eher linksorientierte Wählern wohl einen bedeutenden Anteil am Sieg Trumps hatten.

Ausführlich beschreibt Morina zudem die Besonderheiten des amerikanischen Wahlsystems, das aus europäischer Perspektive nur eingeschränkt demokratisch wahrgenommen wird.

Die Präsidentenwahl wird nicht unmittelbar durch die Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen entschieden, sondern über das sogenannte Electoral College, das Wahlmännergremium. In den meisten Bundesstaaten gilt dabei das Prinzip „The Winner Takes It All“: Wer auch nur knapp die Mehrheit der Stimmen eines Bundesstaates gewinnt, erhält sämtliche dort vergebenen Wahlmännerstimmen. Dadurch kann es dazu kommen, dass ein Kandidat landesweit mehr Stimmen erhält, die Wahl aber dennoch verliert.

Dieses Phänomen trat in der jüngeren Geschichte mehrfach auf, unter anderem bei den Wahlen von 2000 und 2016. Morina verweist darauf, dass dieses System die politische Polarisierung verstärkt und den Eindruck erweckt, dass einzelne Stimmen weniger Gewicht besitzen als andere. Die Diskussion über demokratische Legitimation und Reformbedarf des Wahlsystems bildet deshalb einen wichtigen Bestandteil ihrer Analyse der amerikanischen Demokratie.

Morina betrachtet die amerikanischen Entwicklungen zugleich als Warnsignal für Europa und Deutschland. Die Erfahrungen in den USA zeigen ihrer Ansicht nach, wie verletzlich demokratische Institutionen sein können, wenn gesellschaftliche Konflikte ungelöst bleiben und populistische Bewegungen an Einfluss gewinnen. Daraus leitet sie die Notwendigkeit ab, demokratische Strukturen zu stärken, politische Bildung zu fördern und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern.

Das Buch überzeugt durch seine differenzierte Analyse und seine Verknüpfung historischer mit gegenwärtigen politische Entwicklungen. Morina vermeidet einfache Schuldzuweisungen und versucht stattdessen, die komplexen Ursachen des politischen Wandels verständlich zu machen. Besonders gelungen ist die Darstellung der Perspektive jener liberal und demokratisch orientierten Menschen, die die Machtübernahme Trumps als tiefgreifende Herausforderung für ihre politischen Überzeugungen erlebten. Dadurch vermittelt das Buch nicht nur ein Verständnis der politischen Ereignisse, sondern auch ihrer gesellschaftlichen und emotionalen Auswirkungen.

Insgesamt ist „Das amerikanische Beben“ eine lesenswerte Analyse der Trump-Ära und ihrer Bedrohung für Demokratien. Das Buch zeigt auch sehr deutlich, dass die Entwicklungen in den USA nicht als isoliertes Phänomen betrachtet werden sollten, sondern wichtige Erkenntnisse für die Zukunft demokratischer Gesellschaften in Europa und Deutschland bereithalten.

PS: Bei aller bedenklichen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit gibt es jedoch auch eine, die optimistisch stimmen wird, wegen des Erscheinungstermins des Buches aber darin nicht einfloss. Die Abwahl des Parade-Populisten und Parade-Antidemokraten Viktor Orbán in Ungarn lässt jedenfalls hoffen, dass korrupte Systeme, die aktiv an der Zerstörung der Demokratie arbeiten, auch überwunden werden können.




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