Stephen Greenblatt: Dunkle Renaissance
Wie Shakespeares größter Rivale Christopher Marlowe die Konventionen sprengte und die Literatur revolutionierte
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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Ein Buch, das viel mehr als eine Biografie über Christopher Marlowe ist. Es öffnet ein Fenster in das England des späten 16. Jahrhunderts: in eine Zeit die laut, gefährlich, schmutzig, voller religiöser Spannungen, politischer Intrigen und kultureller Umwälzungen war.
Eine Zeit, in der ein einzelnes Leben von geringem Wert war, die Scharfrichter verdienten gut und die Menschenmassen ergötzten sich an allerlei öffentlich zur Schau gestellten Methoden, einen Menschen meist qualvoll zu Tode zu bringen.
Greenblatt, einem der wichtigsten Renaissance-Forscher der Gegenwart, gelingt etwas Außergewöhnliches: Er macht die historische Wirklichkeit tatsächlich erlebbar und erfahrbar. Man liest nicht nur über die Epoche – man bewegt sich durch ihre Straßen. Was man dabei in einzelnen Szenen des Buches erlebt, das hat schon etwas von Endzeit-Vision, wenn zwischen Rauschschwaden immer wieder die zur Schau gestellten Körper von Hingerichteten auftauchen.
Die Rezensionen im englischsprachigen Raum (aus dem deutschsprachigen Raum gibt es noch wenig, deshalb habe ich mich dort umgesehen, wo das Buch in der Originalfassung bereits einige Monate früher erschien) ) heben genau das immer wieder hervor: wie lebendig und atmosphärisch Greenblatt schreibt. Die Washington Post spricht von einer „brilliant re-creation of the world Marlowe inhabited“, während der Boston Globe betont, das Buch sei „swimming in lush detail“ und tauche die Leser unmittelbar in die soziale Wirklichkeit der Zeit ein.
Das übernimmt auch die deutschsprachige Übersetzung, über die man gleiches sagen kann.
Besonders eindrucksvoll sind jene Passagen, in denen Greenblatt den Alltag des elisabethanischen England schildert. London erscheint nicht als Weltstadt, sondern als ungeordnetes, chaotisches Gebilde voller Gestank und Gewalt. Enge Gassen voller Abfälle, öffentliche Hinrichtungen, religiöse Angst und das Nebeneinander von Elend und geistigem Aufbruch werden überaus bildhaft beschrieben.
Glücklich konnten sich jene nennen, die durch den Reichtum der Familie oder durch ein Stipendium aus dieser Welt der Seuchen und der allgegenwärtigen Gefahren ausbrechen konnten und eine schulische oder sogar eine universitäre Ausbildung genossen. Das Bildungssystem ist ein weiterer Bereich, den Greenblatt überaus anschaulich erklärt. Wodurch man ein Gefühl dafür bekommt, für das, was man unter Bildung verstand. Was wir heute darunter verstehen, mag seine allerersten Wurzeln in dieser alten Zeit haben, ist aber heute unendlich weit davon entfernt.
Was mich zu einem weiteren Aspekt in diesem Buch bringt: Greenblatt beschriebt nicht nur die alte Zeit, er zieht auch immer wieder Vergleiche zum heute, stellt an passenden Stellen die historischen Ereignisse dem gegenüber, was unsere Nachrichten in der Gegenwart sind.
Alle diese detailreichen Schilderungen machen die Lektüre so faszinierend. Greenblatt interessiert sich nicht nur für große historische Ereignisse, sondern für das gelebte Leben: für Wirtshäuser, Theaterhöfe, Straßengeräusche, Spione, Studenten, Prostituierte, Händler und Schauspieler. Dadurch entsteht ein ungewöhnlich plastisches Bild der Renaissance als Alltagserfahrung. Man versteht plötzlich, aus welcher Welt heraus Marlowes Stücke entstanden sind.
Auch Christopher Marlowe selbst wird nicht als der Zeit entrückter Kunstmensch gezeigt, sondern als rastloser, hochbegabter junger Mensch in einer gefährlichen Zeit. Greenblatt zeichnet ihn als Grenzgänger zwischen Universität, Theaterwelt und Geheimdienstmilieu. Die Unsicherheit seiner Existenz – ständig bedroht von religiöser Verfolgung, politischer Kontrolle und persönlichem Absturz – verleiht dem Buch stellenweise die Spannung eines historischen Thrillers.
Beeindruckend ist über allem, wie Greenblatt historische Forschung mit erzählerischer Vorstellungskraft verbindet. Wo Quellen fehlen – was nicht wundert, liegen doch die beschriebenen Ereignisse mehr als ein halbes Jahrtausend zurück – entwickelt er plausible Rekonstruktionen des damaligen Lebensalltags.
Nach ein wenig Recherche über Greenblatt bei Wikipedia habe ich dazu gefunden, dass er das sehr bewusst und konsequent einsetzt. Es entspricht seinem Ansatz des „New Historicism“, bei dem Literatur immer als Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit verstanden wird. Gerade dadurch entsteht der Eindruck, dass die Renaissance keine abstrakte Epoche war, sondern eine Welt aus konkreten Menschen, Körpern, Gerüchen, Ängsten und Sehnsüchten.
Zusammengefasst:
Dark Renaissance überzeugt nicht nur als reine Marlowe-Biografie sondern vielmehr als großartige udn umfassende Dokumentation einer ganzen Epoche. Greenblatt macht Geschichte fühlbar.
Greenblatts Leistung liegt darin, das Alltagsleben der Renaissance mit solcher Intensität zu schildern, dass man beim Lesen beinahe das Stimmengewirr der Londoner Straßen hört und den Rauch der Wirtshäuser riecht.
Es ist diese Lebendigkeit, die das Buch weit über gewohnte historische Sachliteratur hinaushebt.