Friedrich Dürrenmatt: Der Verdacht
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman „Der Verdacht“ erschien 1951, nur wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Niederlage des NS-Regimes. Aus dieser zeitlichen Nähe ergibt sich das eigentliche Thema des Romans: Die Geschichte ist nicht nur ein spannender Kriminalfall, sondern auch eine Reflexion über Schuld, Verantwortung und das ungestörte Weiterleben von Menschen, die schreckliche Verbrechen begangen haben.
Der Roman erzählt die Geschichte des Schweizer Arztes Dr. Emmenberger, der im Zentrum einer Mordserie steht. Der Ermittler, Kommissär Bärlach, kommt auf die Spur des Arztes, als er in einer Zeitschrift das verschwommene Bild eines verschwundenen KZ-Arztes findet. Es ist die Spur eines zunächst nicht greifbaren Täters, dessen wahre Identität und Motive lange verborgen bleiben.
Besonders bemerkenswert ist die Parallele zwischen der Handlung und der unmittelbaren Nachkriegsrealität. Die NS-Zeit war gerade erst beendet, doch viele Täter waren noch auf freiem Fuß – genau wie die Figur des Mörders im Roman, der ungeschoren weiterlebt und dessen Verbrechen nicht bestraft werden.
Dürrenmatt beschreibt damit eine Problematik, die viele Gesellschaften nach dem Krieg beschäftigte: Es ist die Erkenntnis, dass das Böse oft ungesühnt bleibt und dass Gerechtigkeit nicht automatisch durch die Rückkehr zur Normalität wiederhergestellt wird.
„Der Verdacht“ behandelt zudem die Frage der individuellen Verantwortung. In einer Welt und zu einer Zeit, in der viele Mitmenschen durch Schweigen mitschuldig wurden oder Taten vertuschten, wird die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit zu einem zentralen moralischen Auftrag.
Sprachlich und stilistisch ist Dürrenmatt hier, wie immer, ein präziser Erzähler, der einerseits Spannung innerhalb der Erzählung aufbaut, andererseits aber seiner Zeit einen Spiegel vorhält, der ein Bild zurückwirft, das viele gar nicht mehr sehen wollen. Damit wird aus einem einfachen Krimi ein eindrucksvoller Roman über die Bedeutung der Aufarbeitung von Schuld.
Das Fazit:
„Der Verdacht“ ist weit mehr als ein klassischer Krimi. Er ist ein literarisches Spiegelbild der unmittelbaren Nachkriegszeit, das die Probleme von Schuld, Straflosigkeit und moralischer Verantwortung in einer von Verbrechen geprägten Welt zeigt.
Was Dürrenmatt damit aufgreift, ist die (bis heute anhaltende) Diskrepanz zwischen dem Wunsch der Gesellschaft, nach dem Krieg die Verbrechen aufzuklären und die Täter zu bestrafen, wie aber auch zur selben Zeit, möglichst rasch zu verdrängen und zu vergessen, was geschah.