Buchbesprechung/Rezension:

Eric-Emmanuel Schmitt: Der Morgen der Welt
Noams Reise (1)

Der Morgen der Welt
verfasst am 11.04.2023 | einen Kommentar hinterlassen

Autorin/Autor: Schmitt, Eric-Emmanuel
Genre: Romane
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Welche Geheimnisse mögen sich noch in den Grotten verbergen, die den Boden unter unseren Füßen durchziehen? Was zum Beispiel gibt es in der Jeidi-Grotte im Libanon noch zu entdecken?

Genau dieser Grotte beginnt nämlich, wir befinden uns in unserer Gegenwart, die Geschichte von Noam, jedenfalls der Teil, in dem er nach vielen Jahren wieder hinaus ins Tageslicht tritt. Bislang von den Forschern und Touristen unentdeckt, findet sich Noam, nach den vielen Jahren seines Aufenthaltes in seinem Versteck in der Höhle in einer laut und unübersichtlich gewordenen Welt wieder.

So ein Erwachen aus einem tiefen Schlaf hat er schon unzählige Male erlebt, denn es ist ein tausende Jahre langes Leben, auf das Noam schon zurückblickt.

Diesmal aber scheint die Welt in einer Lage zu sein, die sich von allem, was Noam davor gesehen hat, unterscheidet. Es ist eine Welt an einem Kreuzungspunkt und eine der Abzweigungen führt nirgendwo mehr hin. Ein sehr passender Zeitpunkt, findet Noam, so etwas wie seine Lebensgeschichte niederzuschreiben.

Es begann in einem Dorf an einem See, viele tausend Jahre in der Vergangenheit. Noam war der Sohn des Dorfchef Pannoam. Ein Dorf, das weit bekannt war für seine Lebensqualität, die Klugheit seines Obersten und die vielen neuen Errungenschaften, die dafür sorgten, dass die Bewohner ein gutes Leben führen konnten. Ein Ruf, der nicht nur neugierige Menschen anzog, sondern auch die Räuber, die immer wieder kamen. So sehr wurde das zur Bedrohung, dass Pannoam erstmals eine kleine Streitmacht zum Schutz des Dorfes aufstellte. Auch eine dieser Errungenschaften, die das Dorf so einzigartig machten und dabei schon eine, die die Folge von anderen Entwicklungen war.

Je mehr man von alledem erfährt, desto öfter wird man sich fragen, welchen Zweck Pannoam verfolgt. Die Frage, was Fortschritt ist und was er bedeutet, zieht sich durch gesamten Erzählung.

“Mit diesem Vorgehen hat Pannoam die Dorfbewohner abhängig gemacht! Produzieren, anhäufen, aufbewahren, überwachen, verteilen, planen, das ist der Weg der Unterjochung. Sie reden sich ein, die Dinge zu besitzen, während die Dinge einen besitzen. Vorher war es nicht so.”

Dem Ruf folgte auch der Heiler Tibor, dessen Dorf von einem Erdrutsch verschüttet worden war und mit ihm kam seine Tochter Nura. Noam und Nura, das sollte eine Geschichte werden, die sich über die Jahrtausende erstreckt.

Ist es möglich oder wahrscheinlich, dass das Leben im Neolithikum so war, wie man es in Noams Erinnerungen liest? Danach war es zum einen sehr ähnlich, zum anderen, natürlich, ganz anders als heute.

Anders, weil damals die Menschen der Natur fast schutzlos der Natur ausgeliefert waren (während es heute umgekehrt ist); weil die Natur voller Geiser und wilder Gestalten war und man mit ihr doch im Einklang lebte; weil man den Lauf des Lebens hinnehmen, aber nicht beeinflussen konnte. Ähnlich, weil sich das Zusammenleben und die Konflikte zwischen Menschen, Generationen und Gemeinschaften kaum von jenen in unserer Zeit unterscheiden; weil es damals wie heute immer wieder ein paar wenige gibt, die sich anmaßen, über andere bestimmen zu können; weil Intrige, Betrug, Manipulation und Gewalt immer schon zur Erlangung des eigenen Vorteils eingesetzt wurden; weil wir Menschen es immer schon verstanden haben, zwischen Nützlichkeit und Wahrheit zu unterscheiden; weil zu allen Zeiten geliebt und gehasst wurde.

Noam, der so viele Zeitalter erlebte, kennt alles, was sich veränderte. Deshalb liest man auch viel Wissenswertes über die Lebensumstände, die herrschten. Die zugehörigen Fakten baut Eric Emmanuel Schmitt immer wieder in die Kapitel ein, womit man gleichzeitig auch eine Menge darüber erfährt, welche Erkenntnisse die Wissenschaft derzeit über die prähistorische Zeit hat.

Diese Reise zurück und vor durch die Jahrtausende lässt miterleben, wie Noam aufwuchs, wie er durch die schweren Zeiten kam und was es für ein Ereignis war, das aus ihm den machte, der er fortan blieb: der Unsterbliche, der Wanderer durch die Epochen. Eric Emmanuel Schmitt erzählt und man kann sich der Geschichte nicht entziehen, er lässt seine Leserinnen und Leser eintauchen in eine ferne Zeit, in die Welt unserer Vorfahren.

Ein Aspekt, der mit jeder Seite deutlich wird, ist, dass die Menschheit zwar viel Wissen gewonnen hat (es aber, wir wissen es, zu oft für falsche Zwecke einsetzt), zugleich aber viel verloren hat. Wer kann besser davon berichten als Noam. Ganz oben auf dieser Liste des Verlorenen steht die Wertschätzung und das Respektieren der Lebewesen, mit denen wir uns den Planeten teilen.

Geschickt in die Erzählung und damit in Noams Leben eingebaut sind Berichte über die Entstehung von Mythen, Traditionen, berühmt gewordene Menschen und darüber, wie das Wissen über bestimmte Dinge entstand (oder: entstanden sein könnte). So geschickt, dass es nicht einfach ist herauszufinden, was davon ein großes oder ein kleines Korn an Wahrheit enthält und was ausschließlich der Fantasie Noams / des Autors entspringt. Jedenfalls aber liest man in Noams Erinnerungen über reale historische Ereignisse und so mag auch vieles andere die Wahrheit sein.

Man muss sich auf teils ausgreifende Schilderungen einstellen – lässt man sich darauf ein und versucht, in die beschriebene Welt und Zeit mit einzutauchen, dann hält ein wirklich wunderbares Lesebuch in Händen. Ein Epos, das eine Fortsetzung haben wird, auf die ich mich wirklich freue!

Dass Eric Emmanuel Schmitt ein begnadeter Erzähler ist, habe ich schon in einigen seiner früheren Romane erfahren und “erlesen” und genieße das beim Lesen von Noams Reise durch die Zeit ebenso. Für mich ein absolutes Buch-Highlight!




Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert



Top