Buchbesprechung/Rezension:

Eric-Emmanuel Schmitt: Madame Pylinska und das Geheimnis von Chopin


verfasst am 21.11.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kurzgeschichten, Schmitt, Eric-Emmanuel
LiteraturBlog Bewertung:

Es ist die Erzählung, in der das Klavier zum Leben erwacht. Als Familienmitglied, von manchen geschätzt, von manchen gemieden, hat dieses Klavier ein Eigenleben entwickelt. Mit dessen Hilfe gestattet es sich, wenigen Menschen, die sich zum ihm setzen, wunderbare Töne zu gewähren, anderen wiederum lediglich das uninspirierte Klappern seiner Tasten.

Tante Aimeè ist eine, der das Klavier es gönnt, Chopin in unvergleichlicher Weise zu interpretieren. Eric, gerade neun Jahre alt, der bis dahin dieses Klavier als unerwünschten Eindringling betrachtete, ist wie gebannt von der Darbietung, die Musik berührt ihn, er möchte unbedingt auch selbst solche Töne anstoßen können. Eine Klavierlehrerin soll dabei helfen, doch niemals ist das Ergebnis aller Bemühungen und Übungen so wie das Gefühl, das Eric beim Spiel der Tante erfasste.

Zwanzig Jahre alt geworden und noch immer auf der Suche nach der von ihm so ersehnten Chopin-Interpretation, sucht Eric eine neue Lehrerin: Er findet , sie findet ihn.

Was aber verlangt Madame Pylinska von ihm, anstatt seine Fingerfertigkeit zu trainieren? Auf den Boden soll er sich legen, die Vibrationen des Klaviers beim Spiel soll er spüren, Blumen soll er  pflücken; nur ein paar der seltsamen Aufgaben, die er erledigen soll. Alles, um dem ambitionierten Schüler zu vermitteln, was Gefühle sind und was sie bewirken können. Eric – es ist niemand anders als das Alter Ego des Autors Eric-Emmanuel Schmitt – gibt sich den ungewöhnlichen Anweisungen hin. Lernt, wie man sich zurücknimmt und der Musik den Vortritt lässt. Die Vorgaben von Madame Pylinska für Erics Leben  gehen bald weit über das hinaus, was man gemeinhin einer Klavierlehrerin zugestehen möchte und doch befolgt Eric ihre Direktiven.

Zwischen Musik und Inspiration zieht diese kleine, stille Erzählung ihre Bahn. Nebenbei erfährt man einiges darüber, wie man Musik mit mehr Sinnen hören kann, als man es gewöhnlich tut. Hilfreich wäre es, Chopin im Ohr zu haben, während man das Buch liest; das ist aber etwas, das ich leider nicht  – quasi virtuell – mithören kann, da es mich mehr zu Beethoven hinzieht und ich von Chopin, jedenfalls blieb mir nichts in Erinnerung, noch nichts gehört habe. Beethoven, nur so nebenbei, findet zwar auch Gnade vor Madame Pylinskas Musikverstand, doch ist er auch nur einer derjenigen, die die andere, die Nicht-Chopin Musikwelt bevölkern.

Was verbleibt aus diesen knapp 90 Seiten? Vielleicht dieses: hinter dem, was offensichtlich ist, wird noch viel mehr zu finden sein – wer möchte, kann es hören, sehen, entdecken. Das ist zwar keine „Botschaft“, die sich aus dem Buch selbst ergibt (also keine Angst, es gibt nichts „Belehrendes“ darin), schwang aber bei mir nach dem Lesen noch eine Zeit lang nach …

Ein sehr einnehmende, persönliche, leichte Geschichte, die sich bestens eignet, sie sich mit Tee und bei Kerzenlicht zu erlesen.




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