Elif Shafak: Ehre

verfasst am 03.05.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Shafak, Elif

EhreEhre ist ein wunderbarer, ein berührender Roman. Von der Autorin sehr emotional und wirklichkeitsnahe erzählt. Die traditionsverhaftete Tat des Sohnes der seine Mutter ersticht, um die Schande, die sie über ihre Familie gebracht hat zu rächen. Sie hatte sich in einen Mann verliebt.

In dieser Beziehung erfuhr sie erstmals in ihrem Leben was es heißt Gefühle für einen Mann zu haben, und von diesem geliebt zu werden. Mit schlechtem Gewissen und voll Scham trifft sich Pembe mit Elias an Orten, von denen sie meint, von niemandem gesehen zu werden. Sehr einfühlsam schildert Elif Shafak die aufkeimende Liebe zwischen diesen beiden Menschen.

Eines Tages finden zwei ihrer Kinder – Yunus ihr jüngster Sohn, und Iskender ihr ältester Sohn heraus, dass ihre Mutter sich mit einem Mann trifft. Die Verstörtheit, die diese Erkenntnis bei Yunus hervorruft, und die Rachegefühle die sich bei Iskender aufstauen, sind so gegensätzlich, wie die Unterschiede in den Kulturen, in der die Familie Toprak lebt. Adem, der Vater hat sich vor einiger Zeit von seiner Familie verabschiedet, um mit einer anderen Frau zu leben. Esma die Tochter wächst als moderne junge Frau heran, wohl aber auch nicht im reinen mit ihren Gefühlen zur ererbten Tradition und zum modernen Umfeld Londons. Für den Vater gilt der Bergriff Ehre nicht, er durfte seine Familie in materieller Not im Stich lassen.

Das Leben von Pembe und ihrer Zwillingsschwester Jamila beginnt in einer Familie, in der den Eltern die Hoffnung auf einen Sohn nicht erfüllt wird. 9 Mädchen werden geboren.

Die tragische Familiengeschichte erzählt Elif Shafak in Rückblenden mit viel Information über die türkische Kultur. Der eindringliche Erzählstil der Autorin erweckte in mir viel Emotionen und Mitgefühl mit den handelnden Personen. Besonders die Position der Frauen und der Umgang mit ihnen ließ mich wütend werden.

Es ist eine kurdische Familie, die in einem türkischen Umfeld lebt. Da zeichnen sich schon die Mentalitäten der einzelnen Familienmitglieder ab – der Vater verbietet, dass türkisch gesprochen wird, einige Kinder verweigern nahezu die kurdische Sprache. Die konfliktreiche Situation der Familie zieht sich durch deren gesamtes Leben. Pembe erhofft sich mit Adem ein besseres Leben im Ausland und zieht mit ihrem Mann und den drei Kindern nach London. Jamila bleibt in der Türkei zurück und bringt sich als Hebamme durchs Leben.

Alif Shafak schildert Jamilas Leben, ihr Schiksal, ihr Lebensumstände ebenso eindringlich wie sie das mit allen Prodagonisten tut. Für mich eröffnete sie durch ihren Erzählstil einen tiefen Einblick, einen intensiven Zugang zu den Menschen in diesem Buch.

Jamila beschließt zu Ihrer Schwester nach London zu reisen, um ihr in der zwiespältigen Situation in die sich Pembe durch die Liebe zu Elias gesbracht hat, beizustehen. Das war eine sehr verhängnisvolle Entscheidung. Iskender, der sich seit einiger Zeit mit dem Gedanken trug, die verlorene Ehre der Familie durch das Verhalten der Mutter, zu rächen, tötete nicht Pembe sondern deren Zwillingsschwester Jamila. Dieser fatale Irrtum wurde von niemandem bemerkt, außer von Esma und Junus.

Das war der Punkt, wo ich eine gewissen Enttäuschung spürte, weil ich befürchtete, dass die Autoren in ihrer Erzählkunst etwas abglitt. Das passierte nicht. Shafak bleibt ihrem hochwertigen Erzählstil treu. Sie schildert weiter in Einblendungen das Schiksal von Adem, das Leben von Iskender im Gefängnis, und die Entwicklung von Yunus und Esma.

Auch die Auflösung, dass nicht Pembe getötet wurde, ist wunderbar geschildert und unterstreicht die Hochwertigkeit dieses Romans.

Ehre ist ein Buch, das mich berührt hat, das mich aber auch wütend machte und das für mich eines der schönsten Bücher ist, die ich in letzter Zeit gelesen habe.



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