Joseph Roth: Radetzkymarsch

verfasst am 04.07.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Roth, Joseph

Der Roman über den Aufstieg und Niedergang derer von Trotta, deren Schicksal aufs engeste mit dem Leben des Kaisers Franz Josef I verknüpft ist. Im Jahr 1859 ist es der junge Leutnant Joseph Trotta, er entstammt einer  armen Bauernfamilie aus Slowenien, der dem jungen Kaiser in der Schlacht von Solferino das Leben rettet, der an seiner Stelle von der Kugel getroffen wird, die dem Kaiser galt.

Zum Dank für diese Heldentat wird Trotta in den Adelsstand erhoben, bleibt sich dabei aber stets in seinem Selbstverständnis als Diener der Monarchie und des Kaisers treu. Ehrhaftigkeit und Redlichkeit prägen das Leben des Joseph Trotta von Sipolje. Dies zeigt sich, als er in einem der Lehrbücher seines Sohnes eine verklärende Nacherzählung der Rettung des Kaisers entdeckt, eine, die den tatsächlichen Gegenbenheiten in keiner Weise entspricht.

Trotta ist ob dieser Umdichtung der Wahrheit derart erzürnt, dass er sogar beim Kaiser interventiert, um das Bild und die Geschichte zurecht zu rücken. Zwar wird das Lehrbuch letztendlich nicht mehr verwendet, doch Trotta hat sich zu diesem Zeitpunkt schon auf das Landgut der Familie seiner Ehefrau zurück gezogen.

Für seinen Sohn Franz, dem er eine militärische Laufbahn nicht zutraut, und auch nicht, als Gutsherr die Ländereien der Familie zu verwalten wählt er das Jusstudium, das diesem letztendlich zu einer gehobenen Beamtenlaufbahn verhilft. Auch jetzt noch hält der Kaiser seine helfende und schützende Hand über den Helden von Solferino, indem er das Studium des Sohnes mit einem großzügig dotierten Stipendium finanziert. Am Ende wird Franz zum Bezirkshauptmann einer (ungenannten) mährischen Stadt ernannt.

Die dritte Generation von Trottas ist auch schon die letzte, die dem Kaiser und der Monarchie dienen kann. Carl Joseph, Enkel des Helden von Solferino dient als Offizier in der k.u.k.Armee und erlebt den Niedergang der alten Welt auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges mit.

Wenn man den Titel „Radetzkymarsch“ liest und wenn man dazu die ersten Takte vom Radetzkymarsch summt, wenn man mit dem Finger den Takt trommelt, wenn dabei Bilder einer guten, alten Zeit auftauchen, dann hat man die Stimmung dieses Romanes vollständig aufgenommen. Es ist eine Mischung aus Traurigkeit, Wehmut, Sehnsucht, wenn man sieht und liest, wie alles unvermeidlich seinem Ende zutreibt. Und wie niemand eine Vorstellung davon hat, was der Neubeginn danach bringen könnte.

Joseph Roth malt mit seinen Worten ein Bild dieser Zeit, in der eine alte Ordnung zu Ende ging. Zuerst so langsam, dass es niemand bemerken konnte (oder wollte). Zunächst lief alles in den gewohnten Bahnen, jedermann und jederfrau kannte seinen/ihren zugewiesenen Platz in der Gesellschaft. Unzählige Rädchen hielten die Monarchie in Gang, doch weil all die Jahre niemand die Notwendigkeit erkannte, durch neue Ideen oder neue Strukturen dieses weit verzweigte Getriebe anzutreiben, drehten sich die Rädchen immer langsamer. Zuerst unmerklich, dann immer offensichtlicher bis am Ende alles zum Stillstand kam.

Es ist berührend (und bedrückend zugleich). Wie Joseph Roth die Bilder jener Zeit entstehen lassen kann. Die Worte sind genau jene, die in jener Zeit gewählt wurden, die Sätze sind genau jene, die damals gesprochen wurden, die Schicksale sind genau jene, die damals gelebt wurden.

Fast wird man wehmütig, wenn man sieht, wie alles immer mehr an den Abgrund treibt. Der Kaiser wird älter und schon zu seinen Lebzeiten immer mehr zu seinem eigenen Denkmal. Er und die Monarchie sind so sehr miteinander verwoben, dass es am Ende kaum mehr vorstellbar ist, dass es Österreich-Ungarn ohne den Kaiser Franz Joseph überhaupt geben könnte.

Eine Einschätzung, der sich auch die von Trottas gänzlich verschrieben haben. Und mit dem Tod des Kaisers versinken auch sie wieder in der Masse der Unbekannten.

Der Roman beschreibt den Niedergang der k.u.k Monarchie, wie das Zerbrechen des Vielvölkerstaates letztendlich unvermeidlich war. Ein Teil beschreibt aber auch die Hoffnung nach deren Wieder-Auferstehung. Denn 1930-1932, die Jahre, in denen dieser Roman entstand, waren die Jahre, in denen in Deutschland und in Österreich der Faschismus die Oberhand gewann und sich die daraus folgenden Katastrophen schon abzeichneten. Was also hätte vor dem Hintergrund dieser verhängnisvollen Entwicklung wohl besser sein können, als wieder einen guten alten Kaiser und eine gute, alte Zeit zurück zu bekommen und vielleicht einen Neuanfang zu versuchen.

Es ist eine mächtige Chronik eines Landes, der Gesellschaft und einer Familie, die Joseph Roth geschaffen hat. Alles, was die Menschen und ihre Gedanken ausmachten, steht in diesem Buch. Auch wenn man damit natürlich nur einen kleinen Ausschnitt des Lebens, der Hoffnungen der Ängste jener Zeit erfährt, kann man doch dahinter das ganze Ausmaß erkennen.

Der Manesse Verlag hat, nach eigenen Angaben, mit dieser Neuauflage aus dem Jahr 2010 die ursprüngliche Fassung weitgehend wieder hergestellt. Denn in den verschiedenen Auflagen seit 1932 hatten sich mehr und mehr Fehler eingeschlichen und wurden dann jeweils ungeprüft weiter in die nächste übernommen.

Der „Radetzkymarsch“ erschien im Jahr 1932 erstmals in der der Frankfurter Zeitung und kurz darauf in Buchform. Joseph Roth wichtigster Roman, ebenso wie sein Gesamtwerk, wurden in den folgenden dunklen Jahren von den Nazis verboten.

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