Arnold Küsters: Totenstimmung
Ein Niederrhein-Krim

Was in der Verpackung eines Regiokrimis daherkommt (der Verlag untertitelt das Buch als „ein Niederrhein-Krimi“), entpuppt sich schon nach wenigen Seiten als packender Thriller, der – und das meine ich im positiven Sinn – durchaus Erinnerungen an „das Schweigen der Lämmer“ weckt.

Die beiden Kriminalhauptkommissare Frank Borsch und Michael „Ecki“ Eckers nehmen die Ermittlungen im Mordfall einer behinderten jungen Frau auf.  Als die Feuerwehr einen Brand im nahen Stadtwald bekämpft, wird in einem brennenden Laubhaufen der Körper einer angeschossenen und mit Seidenspinnerraupen überschütteten Mongoloiden entdeckt, die bald ihren Verletzungen erliegt. In deren Tasche befindet sich eine Mundharmonika, was die beiden Polizisten neben der grausamen Art, wie die Frau zu Tode zu gekommen ist, vor ein Rätsel stellt.

Handelt es sich um eine Botschaft, fragt sich bald Frank Borsch, nicht nur ein Bluesspezialist (seine Lieblingsmusik, mit der sich sein Partner, der eher die  volkstümliche Musik bevorzugt, wenig anfreunden kann, was zu manch witzigem Dialog zwischen beiden führt), sondern selbst Musiker und in seiner Freizeit mit der Harp in einer Band aktiv. Diese Vermutung wird bald bestätigt, als Borsch, der sich mit seiner Freundin Lisa, die eine Fehlgeburt noch nicht verwunden hat und nun eine gemeinsame Wohnung sucht (sowie bald die passende Möblage dazu), ohnehin in einer schwierigen Beziehungsphase steckt, einen an ihn persönlich adressierten Umschlag erhält, der einen Finger enthält und eine weitere Mundharmonika. Wenig zuvor wurden in einem Spargelfeld die anderen Finger drapiert.

Von einer Leiche fehlt jegliche Spur, doch die Gerichtsmedizin hat bald geklärt, dass auch der Mensch, dessen Gliedmaßen hier sicher gestellt wurden, am Down Syndrom erkrankt war. Unterstützung erhält das Ermittlerduo von dem gegen sein Gewicht kämpfenden Archivar der Mönchengladbacher Polizei, Jürgen Schrievers, dessen Frau ihn mit gesunder Diätkost versorgt, der Staatsanwältin, Carolina Guttat, die von diesem Fall auch persönlich sehr mitgenommen wird (warum wird hier nicht verraten)und der jungen, ehrgeizigen Polizeikommissarin, Jasmin Köllges, die ihre Recherchen auch mit Gipsbein fortsetzt.

Überhaupt ist es eine Vielzahl von Charakteren, die eingeführt werden, was anfänglich verwirrend werden kann, aber beweist, dass der Autor, der auch als Journalist tätig ist, hier die Polizeiarbeit sehr realitätsnah darzustellen vermag, und da ist es eben so, dass nicht ein paar einsame Kämpfer unterwegs sind, sondern bei der Verbrechensaufklärung  im gesamten Polizeiapparat eine Vielzahl von Personen und ineinander greifenden Mechanismen notwendig werden.

Die erste Spur führt in die Richtung der Behindertenbetreuungseinrichtung, wo die Ermordete gewohnt hat. Hier muss man gleich die nächste Stärke dieses Krimis ansprechen: Küsters setzt sich auf eine unaufdringliche, weder belehrende noch abschätzige Weise mit dem sozialen Problem der Behinderung und dem Umgang in einer modernen, offenen Gesellschaft damit auseinander. Er hält uns nicht erhoben den Zeigefinger entgegen, sondern stellt diese Menschen „mit besonderen Bedürfnissen“, als unverzichtbaren Teil der Bevölkerung dar, die zwar in ihrer eigenen Welt leben, aber am „normalen Leben“ teilhaben und auch ihr eigenes Talent (etwa in der Möbelflechterei) unter Beweis stellen wollen. Die Kommissare (und damit auch der/die LeserIn) erfährt, wie heutzutage auch in ihren Fähigkeiten eingeschränkte Personen, beinah eigenständig ihr tägliches Leben meistern und wie sie einer betreuten Arbeit nachkommen können.

Natürlich wird auch die Musik als wichtiges Kommunikationsmittel in dieser eigenen Welt dargestellt. Und nicht nur die Mordopfer, sondern auch der Täter besitzt eine besondere Affinität zur Musik, insbesondere zur klassischen. Es folgen weitere Harps und in der Folge nach einem weiteren Toten, sogar Botschaften. Es besteht kein Zweifel daran, der Täter beobachtet die Polizisten und lässt ihnen Botschaften zukommen, in denen er sie bald direkt anspricht. Ein größeres Desaster zu verhindern wird zum Wettlauf gegen die Zeit. Es verdichtet sich die Vermutung, dass die Behinderten zum Zweck ihrer Hinrichtung auch aus dem ehemaligen Osten eingeschleust werden. Doch selbst die Hilfe einer angehenden Profilerin (mit der Borsch mehr als nur derselben Arbeitgeber verbindet), scheint zunächst keine Fortschritte zu bringen.  Tatverdächtige lösen sich auf, Spuren führen in eine Sackgasse und zudem scheint Borschs Freundin Lisa den Verlockungen eines Antiquitätenhändlers erlegen,  der ihr zu verschiedenen Möbelkäufen zuredet. Als das Bild klarer wird, verschwindet auch noch der Kollege Schrievers beim Walken.

Wie eingangs erwähnt, legt Küsters mit diesem Titel einen fesselnden Kriminalroman vor, der tief in die menschliche Psyche eindringt (und beweist, dass jeder seine dunklen Flecken in seiner Vergangenheit hat), und den man kaum mehr aus der Hand legen möchte. Wie bei einem cineastischen Spannungsmeisterwerk fiebert man mit und möchte am liebsten die Akteure vor der drohenden Gefahr warnen. Geschickt wechselt er die Perspektiven und würzt die Handlung mit einer Prise an weiterer Information, sodass diese immer flotter wird (bei mir hat sich gegen Ende tatsächlich der Puls beschleunigt).

Eine gute Story, eine sichere Sprache und plastische Figuren sind, das, was aus Totenstimmung eine gelungene Lektüre macht. Ich muss selbst sagen, dass mein persönlicher Tipp nach dem Täter sich zwar am Ende bestätigt hat, doch bis knapp vor Schluss konnte ich nicht sicher sein, da der Autor ein wirklich gelungenes Ablenkungsmanöver geschickt eingeflochten hat. So kann, so soll(te) Krimi sein.

P.S. Vielen Dank auch für die Hommage an Kottan auf Seite 127: „Kochen muss ich ihn schon…“


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