Kurkow, Andrej: Der wahrhaftige Volkskontrolleur

verfasst am 02.10.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kurkow, Andrej, Romane

Pawel Aleksandrowitsch Dobrynin, hochanständiger Sowjet aber nicht gerade beliebt, wird auf der Kolchoseversammlung zum Volkskontrolleur ernannt. Das Amt des Arbeitskontrolleurs gilt auf Lebenszeit. Damit untersteht er der höchsten Führungsebene des Landes. Er hat allerdings auch Privilegien. Institutionen und Werke, die einer Kontrolle unterzogen werden, sind verpflichtet, den Volkskontrolleur zu verpflegen und seine Arbeit abzugelten.

So begibt sich Pawel auf die Reise. Er hinterlässt sein einfaches Leben und nimmt Abschied von seiner Frau Manjoschka, seinen Kindern Petka und Paul, sowie seinem geliebten Hund, um sich im Amt bestätigen zu lassen und seine Arbeit aufzunehmen.

Zuerst landet er beim Sekretär Kowalenkow. Dieser ist für Pawels Einschulung zuständig. Er übergibt ihm die Broschüre „Arbeitskontrolle“ von Lenin. Ein paar Tage darauf bringt ihn ein Fahrer zum Genossen Pawljuk, wo er bei Tee durch die Partei als Volkskontrolleuer betraut wird. Letztendlich ist noch das Politbüro in Moskau als letzte Instanz dran um Pawel in seinem Amt zu bestätigen.

Als Volkskontrolleur wird er in die verschiedensten Regionen geschickt, um dort den erbarmungslosen Kampf für die wahre Ordnung und für die Qualität der Produktion zu führen.

Nebenbei sieht das System vor, dass Pawel in seinem Amt eine dienstliche Ehefrau zur Seite gestellt bekommt. Das ist ihm gar nicht geheuer. Aber für alle, die nicht aus Moskau kommen, ist das so vorgesehen. Gleichzeitig wird Pawel versichert, dass seine Familie in der Obhut der Partei ist, er solle sich also keine Sorgen machen. Seine erste Reise zwecks Arbeitskontrolle geht ins Polargebiet.

Nebenbei sitzt Direktor Banow abends gerne auf dem Dach seiner Schule und genießt den Ausblick. Banow erhält vom obersten Regime immer pädagogische Anweisungen. So sollen alle Schüler und Schülerinnen einen Aufsatz schreiben. Titel kann aus 3 Themen gewählt werden. „Warum ich mein Vaterland liebe“, „Meine Familie – die Erbauer des Kommunismus“ oder „Wovon mein Papa träumt“. Dabei fällt ihm ein Aufsatz des Jungen Robert Roid in die Hände. Der Name Roid erinnert ihn an einen rothaarigen Anarchisten, den er im Kampf kennengelernt hat. Dessen Lebensmotto war: „Es gibt nur zwei Freuden. Die Frauen und den Kampf.“ Der Direktor lernt die Schwester des vergifteten Anarchisten kennen und verliebt sich in sie.

Außerdem kommt ein Engel vom Himmel auf die Erde um Nachschau zu halten, warum es noch kein Russe und keine Russin in den Himmel geschafft hat. Er tauscht unwissend mit dem jungen Deserteur Sergunkow, einem ehemaligen Rotarmisten, die Kleidung. Bald pilgert der Engel mit einer ganzen Gruppe von Deserteuren, stets dem Stern Archipka folgend, in Richtung gelobtes Land, um dort eine neue Existenz aufzubauen.

Als weiterer Akteur treibt sich der Künstler Mark mit seinem sprechenden Papagei Kusma durchs Land.

Diese vier Handlungsstränge haben eines gemeinsam. Das Leben im Kommunismus ist absolut durchstrukturiert, alles in der Gesellschaft in angeordnet, vorgeschrieben und so überschaubau gemacht. Ansonsten gibt es bei den Protagonisten keine gemeinsamen Berührungspunkte.

Ein hoch sozialkritisches Buch. Empfehlenswert!

Gefehlt hat mir eine weitere Verbindung der vier Handlungsstränge, als „nur“ die politische Struktur des Landes und ihre Auswirkungen auf das tägliche Leben. Außerdem hat mich der Schreibstil persönlich nicht angesprochen.



Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top