Bracharz, Kurt: Der zweitbeste Koch

verfasst am 10.11.2010 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Bracharz, Kurt, Kriminalromane

Der beste Koch ist ja bekanntlich der Hunger, aber gleich danach folgt Wang Li-Shui, Chefkoch im „Shanghai 1938“, einem Feinschmeckerlokal in einem Freizeitpark, einer Art Disney-China, direkt vor den Toren Wiens.

Xaver Ypp, ein sechzigjähriger Redakteur des Feinschmecker-Magazins „Lukull“, bekennender Viel- und beinahe Allesfraß mit Schwerpunkt auf asiatischer Küche ist entsprechend verärgert, da sein zweitbester Koch plötzlich verschwunden ist.

Es heißt er habe das Land verlassen.

Erschwerend kommt hinzu, dass sein Herausgeber Dr. Ska ihm die Ausbildung des 16-jährigen Geschmacksgenie Quentin, quasi ein Jean Baptiste Grenouille unter den Testern, überantwortet hat. Doch Quentin entpuppt sich entgegen den Erwartungen als angenehmer Zeitgenosse und seine Freundin Zoe, eine Aktivistin der Tierschutzorganisation „Sechs Pfoten“ noch viel mehr.

Da hochentwickelte Gesellschaften leicht zu Perversionen neigen, ist das Schmausen von bedrohten Tieren ein Trend der Zeit. Es gibt Restaurants wo sie von der normalen Karte bestellen können, auf Wunsch aber auch die sogenannten „Roten Liste“ vorgelegt bekommen.

Schon einmal geschmorten Babypanda gegessen? Dem Vernehmen nach eine absolute Delikatesse.

Als eines Tages bei einem Arbeitsessen im „Shanghai 1938“ ein Fleischstück weder von Ypp, noch von Quentin zugeordnet werden kann, nimmt der Gastrokritiker kurzerhand eine kleine Probe zwecks Untersuchung mit sich. Doch noch am selben Abend wird Ypp von zwei Mopedrowdys überfallen und das Fleischstück wieder entwendet. Was hat es mit dieser Fleischprobe auf sich?

Den Ich-Erzähler Xaver Ypp beschleicht ein fürchterlicher Verdacht. In weiterer Folge entpuppt sich das chinesische Freizeitzentrum als Treffpunkt von Spionen und als Zuchtanstalt, sowie Umschlagplatz für seltene Tiere.

Am Cover des Buches steht zwar „Kriminalroman“, aber so ganz ist er es dann doch nicht. Kurt Bracharz gilt als Vertreter der amerikanischen „hard boiled“-Schule, aber so richtig hartgesotten ist die Sprache nicht, manchmal holpert sie auch ganz ordentlich. Vor allem der Schluss der Geschichte erscheint mir ein wenig verworren.

Amüsant wird der Roman vor allem in jenen Passagen, wo der Autor in die hintersten kulinarischen Winkel eintaucht, denn man hält es kaum für möglich, was auf diesem Planeten so alles in sich hineingestopft wird.

Beispielsweise Dojo-Tofu: „Es wird zubereitet, indem man kleine Fischchen aus der Schmerlenfamilie in Brühe erwärmt, bis die Tiere sehr unruhig werden. Wenn man nun einen Block gekühlten Tofu in die Kasserolle gibt, wühlen sich die Fische in ihrer Panik sofort hinein. Bei zunehmender Hitze sterben sie schließlich in ihrer Zuflucht und man hat ein raffiniertes Gericht, einen mit kleinen Fischen gespickten Tofu in der heißen Suppe.“

Oder die Drei Quieker: „Lebende Rattenjunge. Sie quieken drei Mal, wenn man sie mit den Stäbchen aufnimmt, ins heiße Öl taucht und noch lebend zerbeißt.“ Und die wirklich harten Gerichte erspare ich ihnen lieber, sprich dies ist wahrlich kein Buch für Vegetarier, sondern eher für zukünftige „Grünschnäbel“.

Interessant auch der Ausflug in den Kannibalismus – ich habe selbst einmal ein Kochbuch aus Neuseeland in Händen gehalten, wo es auch ein Kapitel mit Tipps über die Zubereitung von Menschenfleisch gab.

Zur Zeit der Kulturrevolution unter Mao und den damit verbundenen Hungersnöten kam es in China zum sogenannten Kindertausch. Damit man/frau nicht seine eigenen Kinder essen musste, wurde der Nachwuchs einfach mit den Nachbarn getauscht.

Fazit: Ein Buch das man/frau nicht unbedingt gelesen haben muss, aber wenn doch, geht es relativ schnell durch die 177 Seiten, da sie auch noch in relativ großer „Seniorenschrift“ gedruckt sind.



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