Martin Suter: Ein und Alles
Autorin/Autor:
Genre:
Buchbesprechung verfasst von: Andreas
Online bestellen:
Den Film Ghost – Nachricht von Sam habe ich nicht gesehen, ich kenne nur ein paar Ausschnitte davon. Das aber reicht mir aus, um in Martin Suters neuem Roman bald gewisse Ähnlichkeiten zu dem Film zu finden.
Bald, das ist, nachdem Mila sich zuerst gewundert hat, dass Sascha, ihr Ehemann, abends nicht nach Hause kam, dass er auch am nächsten Tag nicht auftauchte, stattdessen aber die Polizei vor ihrer Türe stand. Ob sie weiß, wo Sascha ist? Ein großer Geldbetrag ist in seiner Firma unterschlagen worden und angeblich ist Sascha auf eine Insel in der Südsee geflogen – oder geflohen, wenn man so will.
Mila kann sich nichts davon vorstellen. In dem, was sie von den Polizisten hört, ist rein gar nichts, das zu ihrem Lebensmenschen passt. Weder die Unterschlagung noch die Flucht. Zudem weiß sie, fühlt sie, dass Sascha ganz nahe bei ihr ist.
Sicherheit geben ihr die Nachrichten und Hinweise, die sie immer wieder findet und die nur von ihm kommen können. Es ist leider nur so, dass außer ihr niemand das sieht, was sie sieht, und dass alles wenig später wieder verschwindet. Selbst Fotos, die sie mit ihrem Smartphone macht, verändern sich, und Dinge, die eben noch vor ihr lagen, verschwinden – alles nach wenigen Augenblicken, sodass sie es niemandem zeigen kann.
Mila gerät selbst in Verdacht. Denn wie kann es sein, dass in einer Beziehung, die sie als so eng, so ungetrübt, so harmonisch und voller Liebe beschreibt, ihr Mann ihr nichts von seinem – angeblichen – Treiben erzählt hat? Unglaubwürdig, jedenfalls in den Augen von Staatsanwalt Dr. Schreiber, der Mila nach einer ersten Befragung als Verdächtige betrachtet. Wenigstens muss sie nicht in U-Haft, sie muss sich nur regelmäßig bei der Polizei melden.
Einzige Stütze ist Milas Taufpatin Brigitte, ihre Vertraute, ihre Freundin und lange Zeit die Einzige, die ihr glaubt.
Martin Suter hat schon in früheren Romanen seine Protagonisten in Bewusstseinsebenen geschickt, die jenseits unserer gewohnten Wahrnehmung liegen. Hier ist es Mila, deren Gedanken zwischen dem Hier und dem Dort wechseln, ohne dass sie bestimmen kann, wohin sie ihre Gedanken führen.
In Ein und Alles wird daraus zunehmend ein Thriller, in dem Mila mithilfe des scheinbar Übersinnlichen zu beweisen versucht, dass Sascha in der Realität kein Verbrechen begangen hat und dass das, was die Polizei als Indizien oder angebliche Beweise vorlegt, nicht wahr ist.
Das alles wird zum Ende hin richtig spannend und rasant. Obwohl es zu Beginn viel mehr nach einer ruhigen Erzählung aussieht, zieht das Tempo der Handlung kontinuierlich an, bis die letzten Seiten nur so dahinfliegen. Zwischendurch findet Martin Suter auch Platz für einige Details, die mich an seine legendären Storys aus der Business Class erinnern.
Ein und Alles vereint damit in gewisser Weise Suters ganze schriftstellerische Bandbreite in einem einzigen Roman: Liebesgeschichte, Kriminalfall, Thriller, ein wenig Gesellschaftsbeobachtung und dazu jene schwer fassbaren Bereiche des Bewusstseins, mit denen er schon in früheren Büchern gespielt hat.
Zusammengefasst:
Suter lässt lange offen, was tatsächlich passiert und was nur in Milas Wahrnehmung existiert – und genau daraus entsteht ein großer Teil der Spannung.
Ein Roman, der ruhig beginnt, immer rätselhafter wird und sich schließlich zu einem richtigen Pageturner entwickelt.
Ein Buch, das ich unbedingt empfehle!