Buchbesprechung/Rezension:

Herbert Clyde Lewis: Gentleman über Bord

Gentleman über Bord
verfasst am 29.10.2026 | einen Kommentar hinterlassen

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Wenn Murphy’s Law auf hoher See gilt, dann wahrscheinlich so: Man fällt nicht einfach irgendwo über Bord. Man fällt mitten im Pazifik über Bord, während das Schiff unbeirrt weiterfährt, niemand etwas bemerkt und man selbst zu gut erzogen ist, um sofort laut genug um Hilfe zu brüllen.

Genau das passiert Henry Preston Standish.

Standish ist 35 Jahre alt, erfolgreicher Börsenmakler aus New York, verheiratet, Vater zweier Kinder und finanziell in einer Lage, in der man sich über die wirklich unangenehmen Dinge des Lebens normalerweise nicht besonders viele Gedanken machen muss.

Eigentlich ist alles in Ordnung, nur für Standish selbst irgendwie nicht. Eine persönliche Krise hat ihn dazu gebracht, aus seinem sorgsam eingerichteten Alltag auszubrechen und allein zu verreisen. Auf Hawaii scheint ihm das sogar gutgetan zu haben. Auf der Rückreise auf der „Arabella“ nach Panama fühlt er sich wieder besser, genießt das Leben an Bord und dürfte langsam zu dem Schluss gekommen sein, dass dieser kleine Ausflug aus seinem bisherigen Leben eine ziemlich gute Idee war.

Dann macht er einen falschen Schritt und landet im Pazifik. Zunächst ist das für Standish beinahe noch ein Abenteuer. Das Schiff ist schließlich nicht weit entfernt. Irgendjemand wird bemerken, dass er fehlt. Man wird umdrehen, ihn aus dem Wasser ziehen, und vermutlich wird er später beim Abendessen erzählen können, wie er beinahe verloren gegangen wäre.

Nur: Niemand bemerkt etwas.
Standish versucht zuerst, seine Lage so zu behandeln, wie er vermutlich auch ein geschäftliches Problem behandelt hätte. Ruhig bleiben. Optionen abwägen. Während Standish schwimmt, wartet und rechnet, geht das Leben auf dem Schiff weiter. Dort hat jeder eine Erklärung dafür, warum man ihn gerade nicht sieht. Einer glaubt, er schlafe. Ein anderer vermutet ihn irgendwo an Deck. Niemand sieht einen Grund, sich Sorgen zu machen.

Eine ganze Reihe kleiner Missverständnisse fügt sich so perfekt zusammen, dass daraus für Standish die denkbar schlechteste Situation entsteht – Murphy hätte seine Freude daran.

Gleichzeitig zeigt Herbert Clyde Lewis damit, wie sehr diese Geschichte in ihrer Entstehungszeit verankert ist. Standish ist ein Gentleman der 1930er-Jahre, und ein Gentleman hat sich eben zu benehmen. Haltung bewahren, keine unnötige Aufregung verursachen und möglichst auch beim Sturz in den Pazifik nicht unangenehm auffallen. Diese gesellschaftlichen Konventionen wirken aus heutiger Sicht manchmal absurd komisch, für Standish aber werden sie lebensgefährlich.

Je länger er im Wasser bleibt, desto mehr verändert sich seine Wahrnehmung. Aus der anfänglichen Zuversicht wird rationales Abwägen. Er beobachtet die Sonne, denkt über Entfernungen nach, über Schiffe, Strömungen und darüber, wann man ihn wohl vermissen wird. Dann wieder stellt er sich vor, wie er später seine Geschichte erzählen wird.

Doch während die Stunden vergehen, kommen immer mehr Zweifel. Vielleicht hat noch niemand sein Verschwinden bemerkt? Vielleicht wird das Schiff doch nicht zurückkehren? Hoffnung und Verzweiflung wechseln sich ab. Manchmal scheint er sich seine Lage schönzureden, dann sieht er sie plötzlich erschreckend klar. Schließlich beginnen sich Realität, Erinnerungen, Fantasien und Halluzinationen miteinander zu vermischen.

Der Kontrast könnte größer kaum sein:

Auf der einen Seite die Menschen, die auf dem Schiff ihren gewohnten Tagesablauf fortsetzen. Standish dagegen verliert mit jeder Stunde ein wenig mehr von jener Sicherheit, auf der sein bisheriges Leben aufgebaut war. Beruf, gesellschaftliche Stellung, gutes Benehmen, Geld – nichts davon hilft ihm jetzt weiter. Am Ende bleibt nur noch die Erkenntnis, dass es vermutlich keine Rettung geben wird.

Zusammengefasst:

Lewis braucht kein Unwetter, keinen Hai und keine dramatische Rettungsaktion. Das Meer ist nicht einmal besonders feindselig. Es ist einfach da – ruhig, riesig und vollkommen gleichgültig gegenüber dem Schicksal dieses einen Mannes.

Lewis macht daraus eine Mischung aus Gesellschaftskomödie mit schwarzem Humor und einer Tragödie über einen Menschen, der langsam begreift, dass er sterben wird. Dass er daraus kein pathetisches Drama macht, sondern Standish bis zuletzt mit einem gewissen ironischen Abstand begleitet, macht diesen kleinen Roman besonders reizvoll.

Fazit: Man kann sein Leben noch so ordentlich eingerichtet haben – manchmal reicht ein einziger falscher Schritt, und plötzlich gelten sämtliche Regeln nicht mehr.




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