Ragnar Jónasson: Stille
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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Man „erliest“ sich Stille auf vier Zeitebenen: 1965, 1975-1978, 2005 und 2012. Möchte sich Ragnar Jónasson hier unterschiedliche Geschichten nebeneinander zu erzählen, oder mündet das alles am Ende doch ein einziges Ereignis und führt zu einem gemeinsamen Ende?
Zunächst scheint es, dass das eine mit dem anderen wenig zu tun hat. In der Gegenwart des Buches, man schreibt das Jahr 2012, ist die Schriftstellerin Elín S. Jónsdóttir verschwunden. Sie ist eine isländische Ikone der Kriminalliteratur, deren großer Durchbruch Jahrzehnte zuvor mit dem hochgelobten Roman Stille gelang. Inzwischen ist sie siebzig Jahre alt, lebt zurückgezogen und hat schon länger kein neues Buch veröffentlicht.
Kommissar Helgi Reykdal soll herausfinden, was mit ihr geschehen ist. Ist Elín freiwillig verschwunden? Ist ihr etwas zugestoßen? Oder steckt hinter ihrem Verschwinden etwas, das mit ihrer Vergangenheit zu tun hat? Helgi spricht mit Freunden, Bekannten und Menschen aus ihrem beruflichen Umfeld und stößt dabei auf immer mehr Ungereimtheiten. Die berühmte Autorin scheint ihr Leben mindestens ebenso sorgfältig verborgen zu haben, wie sie ihre Kriminalfälle konstruiert hat.
Sieben Jahre zuvor hatte Elín eines ihrer seltenen Interviews gegeben. Damals war es offenbar an der Zeit gewesen, über ihr Leben zu erzählen, das sie all die Jahre wie hinter einem Schleier verborgen gehalten hatte. Stück für Stück erfährt man darin mehr über ihre Vergangenheit und merkt gleichzeitig, dass längst nicht alles so eindeutig ist, wie es zunächst klingt.
Eine weitere Erzählzeit führt zurück in die 1970er-Jahre. Dort begegnet man Hulda Hermannsdóttir wieder, der inzwischen verschwundenen Ermittlerin aus Jónassons früherer Krimireihe. Sie beschäftigt sich mit einem alten Banküberfall, bei dem Jahre zuvor ein Bankangestellter ums Leben gekommen war. Einer der Täter wurde gefasst, doch die entscheidenden Fragen blieben offen. Wer war sein Komplize? Wer gab den tödlichen Schuss? Und warum wurde das nie vollständig aufgeklärt?
Die Vorgeschichte dieses Überfalls wiederum liegt im Jahr 1965. In einzelnen eingeschobenen Kapiteln erfährt man mehr darüber, was damals geschah. Nur weiß man lange nicht, ob und wie dieser längst vergangene Fall mit dem Verschwinden einer berühmten Schriftstellerin fast fünf Jahrzehnte später zusammenhängen kann.
Damit nicht genug, hat sich Helgi vorgenommen, auch das rätselhafte Verschwinden von Hulda aufzuklären. Gleichzeitig entwickelt sich in seinem Privatleben eine immer bedrohlichere Situation. Seine Vergangenheit lässt ihn ebenso wenig in Ruhe wie jene Fälle, mit denen er sich beruflich beschäftigt.
Alles wirkt zunächst ziemlich unübersichtlich. Was davon ist die zentrale Geschichte, was sind (vielleicht nur) Nebenerzählungen? Welche Hinweise sind wichtig und welche vielleicht nur dazu da, falsche Fährten zu legen?
So war dann auch meine Stimmung beim Lesen: zuerst Ratlosigkeit, dann erste Ahnungen, anschließend vermeintliche Gewissheit – und dann doch wieder Fragen, zu denen es keine Antworten gibt.
So viel kann man sagen, ohne irgendetwas zu verraten: Alles hängt mit allem zusammen. Wie allerdings ein Bankraub aus den 1960er-Jahren, Huldas Ermittlungen, das Leben einer berühmten Krimiautorin und Helgis Suche im Jahr 2012 zusammenpassen sollen, bleibt sehr lange Jónassons Geheimnis.
Und um das am Ende logisch und sinnvoll miteinander zu verbinden, braucht es wohl tatsächlich einen Autor wie Ragnar Jónasson. Er hat für diesen Kriminalroman eine raffinierte Handlung entworfen, die sich beim Lesen von „unübersichtlich“ Schritt für Schritt in Richtung „genau passend“ entwickelt. Was zunächst wie eine Ansammlung verschiedener Geschichten wirkt, bekommt zunehmend Struktur.
Dabei ist Stille für mich nicht nur spannend, sondern macht mit jeder Seite und jedem neuen Kapitel richtig neugierig auf das, was noch kommen wird. Jónasson braucht dafür weder spektakuläre Gewalt noch permanente Action. Die Spannung ergibt sich aus offenen Fragen, aus Erinnerungen, aus Dingen, die Menschen verschweigen, und vor allem aus der Ahnung, dass irgendwo zwischen all diesen Zeitebenen eine Wahrheit verborgen liegt.
Zusammengefasst:
Islandkrimis haben sich in den vergangenen Jahren beinahe zu einem eigenen Qualitätsmerkmal entwickelt. Autoren wie Ragnar Jónasson schaffen es immer wieder, aus einer überschaubaren Zahl von Figuren, in der besonderen Landschaft und mit scheinbar ruhigen Geschichten erstaunlich viel Spannung herauszuholen.
Stille (eigentlich „Windstille“, wenn man es aus dem Isländischen übersetzt) beginnt wie ein Puzzle, bei dem man nicht einmal weiß, ob alle Teile zum selben Puzzle gehören. Nach und nach zeigt sich, wie geschickt Ragnar Jónasson seine Geschichte konstruiert hat. Vier Zeitebenen, mehrere scheinbar voneinander unabhängige Ereignisse und Figuren, deren Vergangenheit mehr miteinander verbindet, als man lange ahnt.
Ein überaus gelungener Islandkrimi: ruhig erzählt, clever konstruiert und gerade deshalb ausgesprochen spannend.
Weil am Ende noch Fragen unbeantwortet bleiben bedeutet das, dass der nächste Fall mit Kommissar Helgi Reykdal ganz sicher auf meine Leseliste kommt.
Ich muss schließlich unbedingt wissen, wie das alles weitergeht!