Lars Becker: Es wird Steine regnen
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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Nein, keine Angst, es geht nicht um irgendwelche Verschwörungstheorien à la „hohle Erde“. Lars Becker hat sich mit seinem Roman „Es wird Steine regnen“ vielmehr in ein Niemandsland zwischen Science Fiction, Thriller, Dystopie und Fantasy gesetzt und dafür eine ganz eigene Realität geschaffen.
Diese Realität sieht so aus: Im Jahr 2035 existiert einige Kilometer unter der Erdoberfläche Terrapolis, eine Stadt ohne Sonnenlicht und ohne Zukunft. Dort leben viele der bereits Verstorbenen, die auf unerklärliche Weise ein zweites Leben geschenkt bekommen haben. Wie das geschieht, seit wann es geschieht und nach welchen Kriterien entschieden wird, wer dort unten weiterleben darf, bleibt weitgehend offen. Im Lauf der Story erfährt man nur, dass es etwa zehn Prozent der Toten sind, die dort Aufnahme finden. Wie viele Menschen insgesamt in Terrapolis leben, bleibt unklar – es müssen aber sehr viele sein, denn unter der Erde altern die Menschen deutlich langsamer.
Was zunächst nach einer seltsamen, vielleicht sogar erstrebenswerten Vorstellung klingt, entpuppt sich rasch als düstere Gegenwelt. Terrapolis ist kein Paradies, sondern eine Diktatur. Die Mächtigen herrschen mit Willkür, Gewalt und Kontrolle, sind dabei aber selbst nicht wirklich sicher. Denn auch in dieser Unterwelt gilt: Eine dritte Chance gibt es nicht. Wer hier stirbt, ist endgültig tot.
Im Mittelpunkt stehen zwei Männer, die aus dieser Welt ausbrechen: Dante Palazzo, früher Gewerkschaftsführer und Bergarbeiter, und Majid Ramzy, ein brutaler Militärpolizist. Beide schaffen es, mithilfe eines geheimnisvollen Serums an die Oberfläche zu gelangen. Dieses Serum bewahrt sie dort oben vor dem Erstickungstod, aber nur für kurze Zeit. Damit beginnt ein Wettlauf gegen die Uhr. Palazzo hofft, dass er 50 Jahre nach seinem Tod noch jemanden aus seiner Familie findet, während Ramzy als kaltblütiger Killer eine Spur der Gewalt zieht. Das Regime von Terrapolis schickt ein Killerkommando hinterher, angeführt von Luka Firmino, der selbst eine verhängnisvolle Vergangenheit mit Ramzy hat.
Es ist eine etwas verwirrende Story, die für mich sehr viele lose Enden hat. Erklärungen über das Wie, Warum und Wofür fehlen an vielen Stellen. Unter anderem fehlen sie mir auch für die eigentliche Grundkonstruktion der Handlung. Warum genau gibt es Terrapolis? Wer hat diese Welt geschaffen oder entdeckt? Warum gelangen manche Tote dorthin und andere nicht? Welche Regeln gelten wirklich? Und weshalb bleibt all das über so lange Zeit verborgen? Spoiler: Wer auf solche Fragen klare Antworten erwartet, wird die in diesem Roman nicht bekommen.
Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – fesselt das Buch. Ich lese, ich wundere mich, frage mich, ob nicht doch irgendwann eine Erklärung zu alledem kommt, und kann dennoch nicht aufhören zu lesen. Die Auflösung vieler Grundfragen kommt nicht. Aber während man darauf wartet, ist man längst in dieser seltsamen, düsteren, gewalttätigen Welt unterwegs und will wissen, wie es weitergeht.
„Es wird Steine regnen“ ist spannend. Und weil so wenig erklärt wird, bleibt natürlich viel Raum für die eigene Fantasie: Terrapolis ist kein ausgearbeitetes Science-Fiction-Szenario, sondern eine Idee, die man selbst fertig ausmalen kann. Eine Höhlenwelt mit einer Gesellschaft, die die Fehler der Oberwelt nicht abgelegt hat, sondern sie in noch extremerer Form fortsetzt.
Kurz gesagt: Der Tod hat die Menschen in Lars Beckers Welt nicht besser gemacht.
Der Roman pendelt zwischen Genres, setzt sich, wie schon oben geschrieben, irgendwo dazwischen hinein. Thriller, Science Fiction, Noir, Dystopie, Fantasy – alles ist irgendwie vorhanden, aber nichts davon so richtig. Diese Unordnung kann irritieren, ist aber auch reizvoll.
Ein Buch also für alle, die gerne Geschichten lesen, die nicht geradlinig sind, für alle, die sich auf eine ungewöhnliche Mischung aus Unterwelt, Dystopie, Verfolgungsjagd und düsterer Fantasie einlassen wollen. Und für alle, die damit leben können, dass am Ende des Buches nicht jede Frage beantwortet ist.