Buchbesprechung/Rezension:

Katarina Wennstam: Tote Frauen verzeihen nicht
Die Jahrhundertmorde-Reihe

Tote Frauen verzeihen nicht
verfasst am 28.09.2026 | einen Kommentar hinterlassen

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Tote Frauen verzeihen nicht – Lebende auch nicht

Mit diesem atmosphärischen historischen Kriminalroman über Ausbeutung von weiblichen Bediensteten, Mut und die Suche nach Gerechtigkeit entführt uns die schwedische Kriminalreporterin Katarina Wennstam nach Stockholm am Ende des 19. Jahrhunderts.

Worum geht’s?

Während die Menschen in der klirrenden Kälte den Silvester von 1895/96 feiern, entdeckt die Pförtnerstochter und Näherin Hildur auf dem Weg zum Gemeinschaftsabort im Hinterhof des Mietshauses die Leiche einer blutige Frau und neben ihr einen Fötus. Recht schnell ist klar, dass es sich um Emma, das 16-jährige Dienstmädchen aus dem Haushalt des angesehenen Baumeister Johan Henrik Creutz handelt.

Als die Polizei herausfindet, dass Emma nicht ermordet worden ist, sondern an einer missglückten, späten Abtreibung gestorben ist, gilt die Causa als erledigt. Wie es im Beamtenjargon so zynisch heißt: „Nichts weiter zu veranlassen. Akte einlegen.“.

Nur Hildur kann das schreckliche Bild der unglücklichen Emma nicht vergessen. Gemeinsam mit Frederika, die neu in der Stadt ist, sowie der Polizistenwitwe Olga und deren Dienstmädchen Edit, beginnt Hildur vorsichtig Nachforschungen anzustellen. Als Olga entdeckt, dass auch Edit schwanger ist und zuvor im Haushalt des Baumeisters gearbeitet hat, deutet einiges darauf hin, dass Creutz die weiblichen Bediensteten sexuell missbraucht, die dann, wenn sie schwanger werden, von seiner Ehefrau, den üblichen Gepflogenheit folgend, ohne Dienstzeugnis, entlassen werden.

Olga, die ihr eigenes Geheimnis mit sich herumträgt, versucht durch die Kontakte, die sie auf Grund ihres toten Mannes hat, den Baumeister zur Rede zu stellen. Dabei weiß sie nicht, dass sie in ein Wespennest sticht, das dem Quartett gefährlich werden kann.

Meine Meinung:

Katarina Wennstam entführt uns in das Stockholm des 19. Jahrhunderts. Wobei, das Szenario könnte in jeder Stadt spielen – denn es ist jene Zeit, in der die verarmte (Land)Bevölkerung ihr Glück in der Stadt sucht. Söhne und Töchter der kinderreichen Familien machen sich auf, um Arbeit zu finden. Für die Mädchen ohne Ausbildung bleibt nur das Leben als Dienstmädchen mit allen Folgen über: Ausbeutung und sexuelle Übergriffe durch die Hausherren und deren Söhne sind an der Tagesordnung, Duldung und Stillschweigen der Ehefrauen inklusive.

Oft scheint man nicht einmal die Namen der minderjährigen Dienstmädchen zu wissen, derer man sich „bedient“ und – so zynisch und abstoßend das klingt – sich ihrer „nach Gebrauch“ einfach entledigt. Die meisten Mädchen und Frauen, die schwanger aus dem Dienst entlassen werden, haben kaum eine Wahl. Aus der Gesellschaft ausgeschlossen, bleibt ihnen nur Selbstmord, eine illegale Abtreibung, die Kindstötung, das Weglegen des Kindes und anschließen die Prostitution, denn eine Rückkehr in das Elternhaus ist kaum möglich und Pflegestellen für solche Kinder wollen Geld sehen.

Dieser historische Krimi penibel recherchiert und fesselnd erzählt. Wir tauchen tief in eine patriarchalische Gesellschaft ein, in der Frauenleben nahezu wertlos und schnell zu ersetzen sind. Selbst Ehefrauen sind im Allgemeinen nur solange wertvoll, solange sie erstens ein bedeutenden Vermögen als Mitgift erhalten haben, und zweitens mehrere Söhne zur Welt gebracht haben. Doch wie das Beispiel Olga zeigt, schützt die gesellschaftliche Stellung des Ehemanns auch nicht immer. Immerhin kann sie sich als vermögende Witwe freier bewegen. Doch in Olgas Fall ist der Preis dafür sehr hoch.

Die Charaktere der Frauen sind detailreich angelegt und lassen auf eine Weiterentwicklung schließen. 

Ich kenne schon einige historische Krimireihen, die in einer Zeit angesiedelt sind, in der die Rechte von Frauen extrem eingeschränkt waren. Einer Epoche in der Frauen weder wählen noch über den eigenen Körper, die Ausbildung, die Finanzen bestimmen durften. Dieser hier ist auch deswegen interessant, weil es ein winzige Durchlässigkeit zwischen den Ständen gibt. Ich gehe davon aus, dass wir davon in den Fortsetzungen lesen werden.

Journalistin und Autorin Katarina Wennstam gehört zu den meistgelesenen Autorinnen Schwedens. Bislang ist nur dieser Reihenauftakt auf Deutsch erschienen. Auf die Fortsetzung „Tote Frauen vergessen nicht“, sowie „Tote Frauen verglühen nicht“, freue ich mich sehr.

Fazit:

Diesem aufrüttelnden historischen Kriminalroman, der durch gründliche Recherche sowie durch spannende Charaktere besticht, gebe ich gerne 5 Sterne und eine Leseempfehlung.




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